Autor: cali

  • Garnisonkirche abgebrannt

    Wir hatten ja versprochen, dass wir wieder online sind, wenn etwas Außergewöhnliches passiert. Nein, der Garnisonkirchenturm wurde nicht abgefackelt, aber die Stiftung Garnisonkirche hat sich indirekt geoutet, dass sie finanziell völlig abgebrannt ist.

    Wie sonst ist der peinliche, keinerlei Neuigkeiten enthaltende Artikel in der pnn von heute (07.08.2023) zu erklären? Ein Bettelbrief nach Geld im kleinen „Hofberichterstatterblatt“. Lest selbst: Prominente Spender und moderne Lösungen: Turm der Potsdamer Garnisonkirche soll im Frühjahr eröffnet werden (tagesspiegel.de)

    Allein die Überschrift ist Ausdruck für die Verlegenheit und langfristige Handlungsunfähigkeit. Ein Ziegelstein von Frau Merkel wird zur „prominenten Spende“ und bauliche Standards zu „modernen Lösungen“. Peinlich!

    Interessant hingegen sind die Aussagen, dass es immer noch keinen „genauen Termin“ für die Freigabe des Turms gibt und, dass die Ausschreibung für die Turmhaube noch ausgeschrieben werden soll. „Das bereiten wir aktuell vor“, sagte Eschenburg der pnn. Gleiches sagte er schon vor Monaten. Zu den noch zu klärenden Fragen gehört auch die Kernfrage der Bezahlung. Das sagt er aber nicht. Ausreichend Geld hat die Stiftung Garnisonkirche weder für die Turmspitze, noch für die Uhren oder anders Beiwerk. Peinlich der Aufruf, weiter Ziegelspenden zu realisieren.

    Witzig die Auskunft zu den Besucherinnenzahlen. Nur 60 Menschen dürfen zeitglich im Turm sein. Damit sinkt die Zahl weit unter alle bisher benannten möglichen Besuchszahlen und somit auch Einnahmen. Damit wird das Defizit, welches die Inbetriebnahme des „Aussichtsturms mit Gebetsanschluss“ mit sich bringen wird, für die Stiftung und die evangelische Kirche weiter erhöhen. Bisher wurde mit einer Million Minus pro Jahr kalkuliert. Millionengrab Garnisonkirche – Stiftung mit Rechenschwäche – Turmbetrieb defizitär – Potsdam – Stadt für alle (dev.potsdam-stadtfueralle.de/)

    Witzig und entlarvend zugleich ist folgende Aussage. „Die Ausstellung soll die Entwicklung der Garnisonkirche von einer Militärkirche zu einem Sammlungsort demokratiefeindlicher Kräfte in der Weimarer Republik, die Bedeutung im Nationalsozialismus bis zur Sprengung des kriegsbeschädigten Turms in der DDR-Zeit beleuchten.“ Mit wahrem Christentum hat keine der genannten Etappen zu tun. Wozu dann der Wiederaufbau als Kirche? Weiter im Text: „So werde die Ausstellung nun chronologisch und nicht nach Themenpaketen geordnet.“ Eine Chronologie zur Nutzung der Garnisonkirche liegt bereits als Buchform vor. Carsten Linke hat diese Chronik schon vor über einem Jahr veröffentlicht. Buchvorstellung Garnisonkirche – Antimilitaristischer Förderverein (antimilitaristischer-foerderverein.de)

    Dies bedeutet, dass die Stiftung nicht wirklich Neues in dem kleinen Ausstellungsraum zeigen wird. Das kommt unter anderem davon, dass erst eine Hülle errichtet wird und dann überlegt wird, wie darin etwas Zeigbares untergebracht wird. Ein anderer Grund für die Abkehr von Themenpaketes ist, dass die Stiftung nie vorhatte eine facettenreiche, nicht geschichtsrevisionistische Ausstellung zu realisieren. Sie wollte sich immer schon in der Opferrolle suhlen. Dies wird im „Ruf aus Potsdam“ sehr deutlich. Ruf aus Potsdam (garnisonkirche-potsdam.de) Kriegsopfer, SED-Opfer und kein Wort zur Täterschaft.

    Natürlich hat auch die Stiftung Garnisonkirche dazugelernt. Immerhin haben die Kritikerinnen sie ordentlich über zwei Jahrzehnte vor sich hergetrieben. So wurde am Wochenende auch der ehemaligen Stiftungsvorsitzende Ex-Bischoff Huber im neuen bauhaus-museum in Dessau gesichtet. Er wollte sich dort sicherlich kundig machen, wie zukunftsweisendes, gesellschaftsorientiertes Bauen funktioniert und wie es gehen könnte, dass man die Bauform dem Inhalt anpasst. Alles Dinge, die bei der Kopie des GK-Turms missachtet wurden.

    Nachdem wir diese Zeilen zusammengeschrieben haben, müssen wir feststellen, dass nichts Außergewöhnliches passiert ist. Denn dass die Stiftung kein Geld hat und die Potsdamer Tageszeitungen das Projekt GK-Kirche sehr unreflektiert begleiten, ist nicht Neues oder gar Außergewöhnliches. Sorry; weiterhin schöne Ferien- und Urlaubszeit.

    OW/CL/CK

  • Sommerpause

    Liebe Leser*innen, wir möchten uns in die Sommerpause verabschieden.

    Falls etwas Außergewöhnliches passiert, sind wir schnell wieder da. Vielleicht füllt die ProPotsdam das Sommerloch mit der Sanierung des Staudenhofs. Vielleicht enteignet sich die Deutsche Wohnen selbst und gibt das Vermögen in eine gemeinnützige Stiftung. Vielleicht nimmt jemand den SVV-Antrag der Partei DIE PARTEI ernst und fackelt den Garnisonkirchenturm ab, damit der Turm dann gesprengt werden kann und wir so diesen Teil der Geschichte wieder erleben können. Oder es geschieht ein Wunder und ein SPD-Politiker löst sein Versprechen ein. Beispielsweise Herr Heuer. Der hat schon vor Monaten angekündigt, den SVV-Vorsitz abzugeben, nachdem er auch Fraktionsvorsitzender wurde. Es mangelt halt überall an Fachkräften und Charakter.

    Aber vielleicht bleibt alles beim Alten in der Ferienzeit. Alle machen frei. Außer der Klimawandel. Der kennt keine Pause. Aber das ist ein anderes Thema.

    Auch wenn wir mal nichts liefern, so gilt weiterhin: Lesen bildet! Nutzt die Urlaubszeit!

    Bis demnächst; das Rechercheteam & die Redaktionsgruppe

  • „Denn sie wissen nicht, was sie tun“

    Der gleichnamige US-amerikanische Film stammt aus dem Jahre 1955. James Dean spielt den Hauptdarsteller Jim. Er ringt um Liebe und Anerkennung, wie viele in seiner Generation. Beim Streben um Beachtung trifft Jim auf die Gang von Buzz. Es kommt zur Mutprobe, dem sogenannten „Hasenfußrennen“. Buzz und Jim rasen dabei in gestohlenen Autos auf eine Klippe zu. Wer zuerst aus dem Auto springt, ist der Hasenfuß, der Feigling. Während Jim kurz vor der Klippe herausspringt, bleibt Buzz mit dem Jackenärmel am inneren Türgriff hängen und stürzt mit dem Auto in die Tiefe.

    Auch die NutzerInnen des RZ ringen um Anerkennung, aber vor allem um Bestandsschutz und Entwicklungsmöglichkeiten. Auch sie sind bereit für ein Hasenfußrennen. Nur heißt dieses in Potsdam „Machbarkeitsstudie zum Forum an der Plantage“. OBM Schubert ist Judy. Sie startet im Film die Autorennen. Ihr geht es nur um sich selbst, ihr Glück, ihren Glanz, ihren Vorteil.

    Ob die RZ-ler*innen überleben, oder ob sie das Schicksal von Buzz ereilt ist noch unklar. Klar ist nur, dass sie ohne Not sich auf das Hasenfußrennen einlassen wollen. Noch im Frühjahr standen sie im Rampenlicht, weil sie Nein zu einem solchen Weg in den Abgrund gesagt haben. Das taten sie auch, weil sie keine einzige Regel des Rennens bestimmen konnten, niemand Unabhängiges über deren Einhaltung wacht und die Stiftung Garnisonkirche bei Allem ein Vetorecht hat. Nun haben sie aus falsch verstandener Diplomatie wieder JA gesagt.

    Worum geht es beim Hasenfußrennen in Potsdam, bei der Machbarkeitsstudie, neben Eitelkeit und Selbstdarstellung? Es soll untersucht werden, was an Stelle des historischen Kirchenschiffs hinter die halbfertige Kopie des Turms der Garnisonkirche gebaut werden soll. Eine Hülle die die Kubatur des Schiffes (modern) aufgreift und eine vorwiegend städtische Nutzung bekommt. Denn damit ist auch klar, wer diese Hülle bezahlt: die Stadt. Im Gespräch sind Räume für das Potsdam-Museum oder ein Plenarsaal (den keiner dort will). Letztendlich fast egal. Es soll nur zur Garnisonkirche passen. Inhaltlich wie äußerlich. Ob und wieviel des RZ-Gebäudes weichen muss bzw. positiv ausgedrückt bleiben kann, ergibt sich aus den vorgenannten Überlegungen. Ein Teilerhalt des RZ soll es geben. Ob das ¾ des Hauses oder nur das Mosaik, oder ein paar Räumchen sind, wird sich zeigen. Aktuell fordert die Stiftung die Schließung zahlreicher Räume im RZ. Keine vertrauensvolle Geste, sondern eine Machtdemonstration bei der die Stadt wie immer kampflos aufgibt und somit Menschen aus dem RZ verdrängt.

    Die Nutzer*innen des RZ haben aktuell eine Bleiberecht bis zum 31.01.2026. Dies beruht nicht auf einer großzügigen Geste der Stadt oder der Stiftung Garnisonkirche, sondern auf der Tatsache, dass sich die Bauarbeiten für das KreativQuartiers weiter verzögern und hinziehen (voraussichtlich bis Ende 2025).

    Wir als Netzwerk hatten (haben?) die Hoffnung, dass das RZ sich wieder seiner souveränen Entscheidung zu Jahresbeginn, seiner eigenen Stärken bewusst wird und all die vorhandene Kreativität und Energie in einen eigenständigen Weg fließen lässt. Es sind zwei weitere Jahre Zeit, zu zeigen wie cool und wichtig das Haus für die Mitte, die Landeshauptstadt, und deren Bewohner*nnen ist. Somit könnte das RZ auch den notwendigen Rückhalt in der Stadt und auch in der Stadtpolitik nach der Kommunalwahl gewinnen.

    Stattdessen wollen sich die Nutzer*innenschaft des RZ und der FÜR e.V. in einen Prozess begeben, den das RZ nicht steuern kann und in dem es um viel mehr geht, als um das RZ. Es geht am Ende des Prozesses nicht mehr um die Frage des RZ-Erhalts oder um „Bist du für oder gegen das RZ“, sondern um das Forum an der Plantage. Dieses besteht dann aus Turm, Neubau und RZ(-Rest) mit unterschiedlichsten Eigentumsrechten, unklaren Beteiligten und zahllosen Kompromisses und inhaltlicher Unkenntlichkeit. Wenn es gut läuft, bleibt ein Teil des RZ stehen. Wie teuer dieser sanierte Rest wird (falls er wirklich stehen bleibt und nicht aus wirtschaftlichen Gründen später doch abgerissen wird), kann noch nicht beziffert werden. Es könnte sich bei den Preisen des sehr teuren KreativQuartiers einpegeln.

    Der FÜR e.V. kann sich dann umbenennen in „Fatalistische Übergabe Rechenzentrum“, statt bisher „Freundliche Übernahme Rechenzentrum“. Denn wie das Rennen fürs RZ ausgeht ist völlig offen. Fallstricke gibt es zuhauf, in denen sich die Akteur*innen verheddern können. Ein Ausstieg vor der Klippe ist dann evtl. nicht mehr möglich.

    Wer ist oder sind die Gewinner? Judy (Mike Schubert) und der Autohersteller. Die geklauten Autos müssen ja ersetzt werden, nachdem sie zu Schrott gefahren wurden.

    Der Autohersteller ist in unserem Fall die Stiftung Garnisonkirche. Sie kennt sich aus im Ersetzen von Schrott, der schon einmal den Weg in den Abgrund markierte und fand.

    Nachdem vorrangig der Staat mit Steuermitteln den Turm errichtet hat, soll nun die Stadt die Kirchenschiffattrappe bauen und bezahlen. Das Aussehen bestimmt natürlich auch die Stiftung mit, denn ihr gehört ja das Grundstück, auf welchem gebaut werden soll. Das dieses Grundstück ursprünglich der Stadt gehörte und dieses als Stiftungsvermögen bei der Gründung selbiger, mit eingebracht hat, wird gern vergessen. Denn die Stiftung spekuliert auf Pachteinnahmen. Die Stadt soll auch noch für die Grundstücksnutzung bezahlen. Und zwar ganz lange und wenn es geht ganz viel. Denn die Stiftung Garnisonkirche kann am besten öffentliches Geld verbrenn. Eigenes hat sie nicht. Sonst wäre ja der Turm schon fertig. Apropos Turm: Mehrfach haben auch wir darauf hingewiesen, dass der Turmbetreib, der demnächst beginnen soll, hochgradig defizitär für die Stiftung ist. Von bis zu 1 Mio. € Minus pro Betriebsjahr kann ausgegangen werden (http://dev.potsdam-stadtfueralle.de/2022/02/22/millionengrab-garnisonkirche-stiftung-mit-rechenschwaeche-turmbetrieb-defizitaer/. Aktuell schießt die evangelische Kirche Geld zu. Doch wie lange noch? Die zahlenden Mitglieder rennen weg und zahlreiche Kirchbauten brauchen dringend Geld für die Sanierung. Vor wenigen Wochen ist bereits die Decke in der Grüneberger Kirche im Havelland eingestürzt.

    Wenn die RZ-ler*innen sich jetzt in den Machbarkeitsprozess mit der Stiftung und Herrn Schubert (der auch Mitglied des Kuratoriums der Stiftung ist) begeben, kommt in ein paar Jahren ein „Forum“ heraus.

    Dieses Forum wertet den Turm der Stiftung auf und legitimiert im Nachgang sogar dessen Errichtung. Trotz aller rechtsradikalen und geschichtsrevisionistischen Ansätze und Beifallsbekundungen durch die AfD.

    Das Forum sichert der Stiftung Garnisonkirche die finanzielle Basis. Denn ohne diese Finanzhilfe ist sie in wenigen Jahren zahlungsunfähig.

    Die Idee zum Forum untergräbt den vielfach geäußerten Bürger*innenwillen „Kein Geld für den Bau der Garnisonkirche oder die Stiftung Garnisonkirche“. Neben dem Bürgerhaushalt machten große Teile der Stadtgesellschaft mit dem Bürgerbegehren 2014 mehrfach klar, dass sie die Garnisonkirche nie wollten.

    Alle, die sich für eine Machbarkeitsstudie und später für dessen Umsetzung einsetzen, leisten dieser Entwicklung und der Absicherung der Stiftung Garnisonkirche Vorschub. Sie stellen sich gleichzeitig gegen die Teile der Stadtgesellschaft, die keine Garnisonkirche wollen/wollten. Die bringen somit auch die Menschen in Gewissenkonflikte, die bisher klar pro RZ eingestellt sind.

    Ja, auch die RZ-ler*innen leisten dieser Entwicklung Vorschub. Ihre Motivation, die Eigenrettung ist in Anbetracht der unklaren Zukunft nachvollziehbar. Ihre aktuelle Entscheidung pro Machbarkeitsstudie (dem Hasenfußrennen) nicht. Ihre „professorischen“ Berater sind scheinbar die falschen. Vielleicht sind zu viele Egoismen und (zu) viel künstlerische Zuversicht ins Gute, aber zu wenig strategisches Geschick und zu wenig Selbstvertrauen ausschlaggebend für die „Hasenfuß-Entscheidung“ vom 10. Juli.    

    Warum kann nicht das RZ als Kontrapunkt zum Turm stehen bleiben – ohne ein drittes Gebäude? Warum halten wir dieses städtebauliche und funktionale Spannungsfeld nicht aus? Warum sollen wir wieder alles zukleistern und verfälschen? Warum wendet der OBM nicht all seine Energie und Möglichkeiten in den Kompletterhalt des Rechenzentrums? Weil er nicht unabhängig ist als Kuratoriumsmitglied? Weil er im Kuratorium keine Mehrheiten organisieren kann? Weil er nicht nach alternativen Wegen sucht, sondern SEINE Idee umsetzen will? Ist er der große Macher oder der, der dem das Führungspersonal wegrennt? Warum die Eile für einen solchen Prozess, wenn doch die Zeit für ein selbstbestimmtes RZ und die Stadt arbeitet?

    Wenn die Stiftung Garnisonkirche in einigen Jahren zahlungsunfähig ist, muss ohnehin die Stadt als Stifterin das Erbe der Stiftung antreten. Dann kommt auch die Verfügbarkeit über das Grundstück an die Stadt zurück. Doch vorher bereiten wir uns von Stadt4alle auf die kritische Begleitung der Potsdam-Soap „Auch sie wissen nicht, was sie tun“ vor.

    P.S. Der Drehbeginn der 1. Staffel stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest. Auch nicht die Finanzierung des Projektes.

  • Gegensignal – ein preußenkritisches Festival

    Gegensignal – Ein preußenkritisches Festival für das Glockenspiel auf der Plantage in Potsdam am Wochenende des 16./17. September 2023

    Vier Jahre nach seiner Stilllegung steht das stets umstrittene nachgebaute Glockenspiel der Garnisonkirche Potsdam am 16./17. September 2023 im Zentrum eines Kurzfestivals, veranstaltet vom Verein zur Förderung antimilitaristischer Traditionen in der Stadt Potsdam e.V. und dem Lernort Garnisonkirche. Das Glockenspiel wird in einer öffentlichen Aufführung am Samstagabend, 16.9., gegen den Strich gespielt. Auf der Potsdamer Plantage, Standort des Glockenspiels unweit der Garnisonkirche, erklingt nicht mehr das untertänige Lied „Üb immer treu und Redlichkeit“, sondern „Den Marsch Blasen“ des Komponisten Christian von Borries. Die Auftragskomposition bringt die verdrängten rechtslastigen und militärischen Botschaften des Glockenspiels akustisch wie szenografisch zum Vorschein, und gibt zugleich den Opfern der einstigen preußisch-deutschen Militärgewalt eine Stimme. Gerahmt wird die Aufführung von diskursiven Beiträgen: Eine akustisch-visuelle Lecture-Perfomance des Klangkünstlers Michael Schenk im Filmmuseum Potsdam zur Geschichte des Glockenspiels und ein anschließender Workshop im Kunst- und Kreativhaus Rechenzentrum zur Zukunft des Glockenspiels auf der Plantage.

    Das Festival „Gegensignal“ zielt darauf, die in die Gesellschaft infiltrierten antidemokratischen, revisionistischen, nationalistischen und bellizistischen Botschaften des Iserlohner Glockenspielnachbaus performativ und symbolisch zu konterkarieren. Dadurch, dass das Glockenspiel gegen den Strich gespielt wird, soll seine einstige Botschaft „entweiht“ werden. Zugleich wird zur öffentlichen Diskussion zur Zukunft des Glockenspiels eingeladen.

    Zum Hintergrund:

    Im April 1991 wurde in einem großen Festakt das Glockenspiel auf der Potsdamer Plantage eingeweiht, das von 1984 bis 1987 in der Bundeswehrkaserne in Iserlohn auf Initiative der Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel entstanden war. Zuvor waren einige revisionistische Inschriften zu Deutschland in den Grenzen von 1937 auf Betreiben der Stadt Potsdam durch Abschleifen entfernt worden. Andere problematische Inschriften, welche die Wehrmacht huldigten, aber verblieben. Mit dem Glockenspiel wurde über Jahrzehnte und erfolgreich für den Wiederaufbau der Garnisonkirche Potsdam geworben. Der Kirchturm ist seit 2017 in Bau und soll halbfertig wie er ist, 2024 eingeweiht werden.
    Zugleich war das Glockenspiel seit Anbeginn Gegenstand von Kritik und Protestaktionen. Aber erst in Folge eines offenen Briefes namhafter KünstlerInnen und WissenschaftlerInnen wurde das Glockenspiel Anfang September 2019, das bis dahin regelmäßig u.a. die Melodie „Üb‘ immer Treu und Redlichkeit„ spielte, abgestellt. Auch der wissenschaftliche Beirat der Stiftung Garnisonkirche bezeichnete in Folge die Inschriften „aus heutiger Sicht historisch-politisch unzumutbar“. Im Juli 2021 erfolgte auf Anregung von Befürwortern des Glockenspiels die denkmalpflegerische Unterschutzstellung mit einer fragwürdigen Begründung. Damit war die von einigen vorgeschlagene Entfernung des Glockenspiels aus Iserlohn obsolet. Wie mit dem sillgelegten Glockenspiel in Zukunft umgegangenen wird, ist offen.

    Programm

    Samstag, 16. September 2023

    16:30 – 18.00 Uhr
    Filmmuseum Potsdam
    Intro: Klang-Geschichten zum Potsdamer Glockenspiel von Michael Schenk. Die 60-minütige, multimediale Lecture-Performance als Live-Hörspiel mit Bildern wird die Auseinandersetzung um das Iserlohner Glockenspiel in Potsdam seit 1991 Revue passieren lassen, und auf die Entstehung des Liedes „Üb‘ immer Treu und Redlichkeit“ und dessen Nutzungs- und Rezeptionsgeschichte verweisen. Anschließend kurzes Publikumsgespräch

    19.00 – 20.00 Uhr
    Plantage, Potsdam
    DEN MARSCH BLASEN. Eine psychogeographische Situation am Glockenspiel auf der Plantage von Christian von Borries
    Suchscheinwerfer, Fackelträger, Glockengeläut, Gefechtslärm. Auf der Plantage marschieren in unperfekten Gleichschritt kleine Musikgruppen unabhängig voneinander im Kreis, eine Gruppierung in entgegengesetzter Richtung. Sie sind in den Uniformen des Preußischen Heeres, der Wehrmacht und der Bundeswehr gekleidet, ein oder zwei Personen auch als Pfarrer verkleidet, und spielen unterschiedliche Medleys preußischer Märsche und einiger weniger evangelischer Choräle, nichts gleichzeitig und alles in unterschiedlichen Tempi, jede Gruppierung aber in sich stimmig.
    Es entsteht eine Kakophonie, eine Referenz an den amerikanischen Komponisten Charles Ives, der vor über hundert Jahren mehrere Militärkapellen gleichzeitig aus verschiedenen Richtungen an einem Kirchturm vorbeilaufen zu lassen, auf dem er selbst stand.
    Teil der Performance sind Kurzreden von exemplarischen Vertretern von preußisch- deutschen Kriegsgegnern aus Afrika, Ost und Westeuropa via Megaphon von einer Tribüne.
    Eine Schauspielerin liest Passagen aus Originaltexten aus der Geschichte der Garnisonkirche, politische Statements, absurde Behauptungen. Die Atmosphäre ist offensichtlich alptraumhaft. Am Schluss kommen die MusikerInnen zusammen und begleiten einen Sänger zum Bachchoral “Es ist genug”, und zu Eislers viertem Antikriegslied “An die Nachgeborenen”.

    Sonntag, 17. September 2023

    10.00 – 17.00 Uhr
    Kunst- und Kreativhaus Rechenzentrum
    Öffentlicher Workshop mit Besichtigungen, Vorträgen von Personen aus den Ländern einstiger preußisch-deutscher Kriegsgegner und – opfern über preußische Traditionen und Geschichtsverständnis heute, einem Publikumsgespräch zum Vorabend und einer Fishbowl Diskussion zur Zukunft des Glockenspiels mit den Entscheidungsträgern aus Politik und Verwaltung, Aufbaubefürwortern und -kritikern, Geschichts-, Demokratie- und Antirassismusinitiativen.

    Dass detaillierte Programm werden wir rechtzeitig vor dem Kurzfestival noch veröffentlichen.

    Das Gegensignal wird gefördert vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg, der Bundeszentrale für politische Bildung und der Stadt Potsdam. Veranstaltet wird es vom Verein zur Förderung antimilitaristischer Traditionen in der Stadt Potsdam e.V. in Kooperation mit dem Filmmuseum Potsdam, dem Kunst- und Kreativhaus Rechenzentrum und dem Lernort Garnisonkirche.

    —————————————————————-
    Kontakt@antimilitaristischer-Foerderverein.de
    https://antimilitaristischer-foerderverein.de/

  • Kostenloser ÖPNV

    Zu eine Stadt für Alle gehören auch Kinder und Jugendliche sowie ein ticketfreier ÖPNV. Ein erster Schritt könnte das kostenfreie Ticket für Kinder und Jugendliche sein.

    Bereits im März 2023 hat der Stadtjugendring zu dem Thema kostenfreien ÖPNV einen Realtalk mit Kindern, Jugendlichen und Kommunlapolitiker*innen veranstaltet. Im Vorfeld hat der SJR eine Online-Umfrage durchgeführt (Stadtjugendring Potsdam – Für einen kostenlosen ÖPNV für Kinder und Jugendliche in Potsdam – 2023 (sjr-potsdam.de). Die Ergebnisse der Umfrage sowie weitere Argumente aus Politik, Jugendarbeit und Stadtgesellschaft, die für ein solches Ticket sprechen, wurden in einem tollen Film zusammengefasst.

    Video Kostenloser ÖPNV

    Hier der Link: https://youtu.be/CC7OXnJ5gMs

    Schaut unbedingt rein! Für einen kostenfreien Nahverkehr für alle Kinder und Jugendlichen bis 21 in Potsdam!

    Die Mehrheiten scheint es zu geben, auch wenn die SPD im Video mal wieder auf das Land verweist, dessen Regierung sie selbst anführt.

  • Herta SPD

    Was haben Herta BSC und die SPD gemeinsam?

    1. Beide werden gern als „alte Dame“ bezeichnet.
    2. Beide sind vom Abstieg bedroht.

    Heute feiert die SPD ihren 160. Geburtstag. Ihren heutigen Namen gab sich die Partei allerdings erst 1890. Als erste Vorläufer der Partei gelten der in Leipzig am 23.05.1863 gegründete Allgemeine Deutsche Arbeiterverein und die 1869 in Eisenach gegründete Sozialdemokratische Arbeiterpartei, die sich 1875 in Gotha zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands zusammenschlossen.

    Laut dem Hamburger Programm von 2018 sieht die SPD „ihre Wurzeln in Judentum und Christentum, Humanismus und Aufklärung, marxistischer Gesellschaftsanalyse und den Erfahrungen der Arbeiterbewegung“ und sich selbst als „linke Volkspartei“.

    Wir denken, niemand würde aktuell der SPD im Bund, im Land oder der Stadt Potsdam diese Wertorientierung attestieren. Nur als Pathos gepflegte Tradition von ArbeiterInnenbewegung reicht nicht. Die SPD ist längst im konservativen Spektrum der Parteienlandschaft angekommen, in der sogenannten Mitte der Gesellschaft, die seit Jahrzehnten immer stärker nach rechts rutscht.

    Die jüngste Äußerung von Bundeskanzler Scholz (der auch Mitglied der Potsdamer-SPD ist) zu den Aktionen der Gruppe „Letzte Generation“ vor SchülerInnen in Kleinmachnow macht das Dilemma des Rechtsrucks und der Tatsache, dass die SPD oft der Zeit hinterherhinkt deutlich. Die Äußerungen sind angesichts des Ohnmachtsgefühls der nachwachsenden Generationen „völlig bekloppt“.

    Derweil ist das Klimathema einer der wichtigsten Themen der Zeit. Es geht dabei nicht allein ums Wetter. Das Klimathema ist eng verknüpft mit Zukunftsgestaltung, Generationengerechtigkeit, Armutsbekämpfung, Flüchtlingspolitik, Ressourcen- und Friedenspolitik und vielem mehr. Der Kanzler könnte Proteste und Appelle dann abtun, wenn die SPD-geführte Regierung etwas vorzuweisen hätte. Doch die scheinbare Unfähigkeit der Koalition rechtliche und sinnvolle Lösungen zu den Themen Verkehrs- oder Wärmewende vorzulegen, macht die Dringlichkeit von Protesten nachvollziehbar. 

    Die SPD-geführte Rathauskooperation hat 2019 den Klimanotstand ausgerufen. Das war richtig. Nur das konsequente Handeln fehlt der Stadt ebenso, wie dem Land oder dem Bund. Trotz aller Paris-Beschlüsse bleibt ein Handlungsdefizit und eine „Ambitionslücke“ wie es die Politik gern ausdrückt.

    Bis heute hat die SPD auf allen politischen Ebenen scheinbar nicht verstanden, dass das Klimathema ein zutiefst soziales Thema ist. Und zwar NICHT wie meist dargestellt Klimaschutz contra Sozialpolitik, sondern Klimaschutz und Klimaanpassung ermöglichen erst soziale Gerechtigkeit für diese und folgende Generationen. Dazu müssen aber auch bestehende, markt- und kapitalgetriebene Denkmuster durchbrochen werden.

    Der SPD-Mann Scholz leistet den Konservativen Vorschub, die die Klimabewegung kriminalisieren will, um vom Thema abzulenken und um Veränderungen (die gegebenenfalls auch die eigene Bequemlichkeit und Vorteile aufbrechen würden) unmöglich zu machen. Zeitgleich leistet er der „Selbstjustiz“ Vorschub, die einige genervte AutofahrerInnen gewaltsam leisten.

    In Potsdam ist es die SPD die gegen den Erhalt von vorhandenem sozialverträglichen Wohnraum und Klimaschutz agiert (aktuelles Bsp: das Staudenhof-Gebäude). Sie schafft lieber teure Wohnkulissen, die den Mietspiegel permanent in die Höhe treiben und zur Verdrängung von Menschen aus bestimmten Stadtgebieten führt. Sie leistet permanent dem Kapital und der Gentrifizierung Vorschub. Nachzulesen in unserer Broschüre „Wem gehört Potsdam?“ http://dev.potsdam-stadtfueralle.de/2023/05/04/wem-gehoert-potsdam-neuauflage-der-broschuere-zum-einfluss-von-immobilieninvestoren-in-der-stadt/

    Die Potsdam-SPD leistet rechten und konservativ geprägten Gesellschaftsstrukturen und Parallelgesellschaften auch Vorschub durch die politische und finanzielle Unterstützung der Stiftung Garnisonkirche und dem Nachbau des Turms der Garnisonkirche. Sie ist nicht einmal jetzt, wo klar ist, dass die Stiftung kein Kirchenschiff bauen kann und wird, in der Lage, das soziokulturelle und kreative Potential, welches das ehemalige Gebäude des Rechenzentrums bietet, zu erhalten. Lieber lässt sich die SPD von rechts erklären, was richtig ist und das der Abriss notwendig sei.

    Auch „die Herta“ hat eine lange Tradition. Doch dies allein reicht nicht. Am 25. Juli 1892 wurde der Berliner Fußball Club Hertha 1892 als einer der ersten reinen Fußballclubs in Deutschland gegründet. Nachdem sich der Verein am 7. August 1923 mit dem Berliner Sport-Club zusammengeschlossen hatte, wurde der Verein in Hertha BSC umbenannt, was auch beibehalten blieb, als sich der Berliner Sport-Club 1930 wieder vom Gesamtverein trennte. Auch Größenwahn, wie die Selbstkrönung zum „Big City Club“ helfen nicht, wenn Werte und Orientierung fehlen. Die Herta steigt in die 2. Liga ab.

    Die SPD ist es schon. Selbst die AfD bekommt aktuell in Brandenburg bei Umfragen mehr Zuspruch als die traditionsreiche alte Dame SPD. Wo bleibt ihre Verbundenheit mit denen, die sich abgehängt fühlen; ihre Verbundenheit mit den ArbeiterInnen? Wo bleibt ihre „marxistische Gesellschaftsanalyse“ in einen sich zuspitzenden Turbokapitalismus und zunehmender Globalisierung? Wo bleibt der Gegenentwurf zum Privateigentum? Wo bleibt das Konzept der „Grundsicherung“ von Wohnen, Arbeit und Gemeinschaft??? Wo bleiben „Humanismus und Aufklärung“ in einer Zeit des „Individualismus, der Verklärung und medialen Verblödung“?

    In Potsdam ist die SPD alles andere als eine sozial und demokratisch orientierte Partei im Dienste der Gesellschaft oder der Gemeinschaft. Sie ist mit sich selbst beschäftigt. Wie die meisten anderen Parteien auch.  Die CDU ist mit zwei Fraktionen im Stadtparlament. Die Linke ebenfalls. Die AfD ist nicht mal in der Lage alle Mandate zu besetzen.

    Heute feiert nicht nur die SPD Geburtstag, sondern auch das Grundgesetz. Beide sind dringend reformbedürftig, denn es gilt: „Mehr Demokratie wagen!“ Herta ist sicherlich auch reformbedürftig, aber das ist uns egal.

    Ein Beitrag des History-Teams

    P.S. Das Bild in der Artikelübersicht zeigt Ferdinand Lassalle, den Mitbegründer des ADAV; File:Bundesarchiv Bild 183-R66693,

  • Bekenntnisse zum RZ

    Nachdem Barbara Kuster von „Mitteschön!“ dem Fernsehpublikum in den Tagesthemen am 12.04. erklärte, dass die Bauwerke (Rechenzentrum und GK-Turm) stellvertretend für die Auseinandersetzung zwischen links und rechts stehen, schalten sich zahlreiche Persönlichkeiten in die Debatte mit neuen Sichtweisen ein. Ob dies neue Erkenntnisse sind, oder nur der Wunsch, sich vom rechten Teil oder Rand der Gesellschaft abzugrenzen, wissen wir nicht.

    Wir haben folgen Zusendungen erhalten und möchten diese Niemanden vorenthalten:

    Er kennt die Antwort

    Neue Solidarität

    Danke.
    Besser spät, als nie.

    Über weitere Fundstücke und Zusendungen freuen wir uns.

  • Stadt- und Klimacamp zum Staudenhof

    Update: Freitag, den 12. Mai 2023

    Hier ist das aktuelle Programm zum Runterladen!
    Presseerklärung und – Einladung vom 12.05.2023

    Am Wochenende ist es soweit. Das Stadt- und Klimacamp gegen den des geplanten, wohnungs- und klimapolitisch unsinnigen Abriss des Staudenhof-Gebäudes, findet statt.

    Zahlreiche Initiativen laden Sie herzlich zum gemeinsamen Kaffee und Kuchen am Freitag, 12. Mai von 15.30 bis 17.00 Uhr am Staudenhof und zu unseren anderen Veranstaltungen ein. Es wird zusammen gesessen, informiert, diskutiert und gefeiert. Am Samstag gibt es Kinderschminken und einen Bastelstand für Kinder. Wir freuen uns auf Sie!
    Das ganze Wochenende können Sie mitmachen. Das Programm finden Sie hier:

    Mehr Infos auch unter: www.staudenhof.info/camp

    Wer das Camp organisiert?

    Das Camp wird unterstützt und organisiert von folgenden Gruppen: BUND Potsdam, Bündnis Solidarisches Potsdam, Die Linke Potsdam, Extinction Rebellion, Fridays for future, ISO Potsdam, Klimatresen Potsdam, La Datscha, Letzte Generation, Netzwerk „Stadt für alle“, Parents for future, Potsdam autofrei, Potsdam Zero, Retten wir den Staudenhof, Seebrücke Potsdam, Solikante, Tschüss Erdgas, Wählergemeinschaft „DIE aNDERE“ und Woods up e.V.

  • RZ-Erhalt ist möglich und nötig!

    Wir dokumentieren nachstehend die gekürzte Fassung eines Beitrags von Carsten Linke für die Zeitschrift DIE aNDERE (Ausgabe Mai2023)

    In einem Appell sprechen sich zahlreiche prominente Persönlichkeiten aus Kultur und Wissenschaft für ein Nebeneinander von Rechenzentrum und Garnisonkirchturm aus. Ist das möglich? Was spricht rechtlich gegen eine solche Lösung? Es werden seitens der Stadt immer zwei Gründe für den Abriss angeführt:

    1. nach § 5 des Grundstücksvertrages zwischen Stadt und Stiftung von 2010,
    2. nach § 6 der Landesbauordnung (Brandenburgische Bauordnung).

    Laut des Grundstückvertrages ist die Stiftung berechtigt, die Duldung der Überbauung des Flurstücks 1656 zu beenden und vom Sanierungsträger den Teilabriss des RZ-Verwaltungsgebäudes in dem Umfang zu verlangen, der zur Realisierung eines konkret anstehenden Bauabschnitts zum Wiederaufbau der Garnisonkirche erforderlich ist.

    Da kein konkreter Bauabschnitt (Bau des Kirchenschiffes) ansteht, läuft der Passung für die nächsten Jahrzehnte in Leere. Da die Stiftung nicht mal in der Lage ist den Turmbau auskömmlich zu finanzieren, ist auch keine weitere reale Planungs- und Bautätigkeit zu erwarten. Letzteres scheitert auch daran, dass es für das Kirchenschiff keinerlei wirtschaftlich tragbare Nutzungsideen gibt. Die Stiftung selbst vertröstet ja alle Wiederaufbaujünger auf die nächsten Generationen. Somit wäre ein sehr langfristiger (z.B. 20-jähriger) RZ-Betrieb aushandelbar. Damit wäre auch eine Sanierung rentabel.

    Wodurch entsteht nun der Druck, das Rechenzentrum in 2024 oder 2025 abzureißen?

    Der Druck kommt von der Bauverwaltung der Stadt Potsdam. Diese hat sich dahingehend positioniert, dass der Parallelbetrieb der beiden Gebäude über den 31.12.2023 hinaus rechtlich nicht möglich sei. Die Verwaltung bezieht sich dabei auf § 6 der Landesbauordnung (BauO Bbg). Auch gegenüber den Stadtverordneten wurde wiederholt behauptet, dass die „Herstellung eines bauordnungsrechtlich zulässigen Zustandes kaum möglich“ sei.

    Der Frage ob diese Argumentation stichhaltig ist, oder diese nur dazu diente alle Betroffenen und Stadtverordneten in einen 4-Phasen-Prozess zu zwingen, ist nun, nach der Absage an die Erstellung einer Machbarkeitsstudie, erneut nachzugehen. Bereits 2021 ist die Gruppe Architects for Future Potsdam den wesentlichen baurechtlichen und brandschutztechnischen Fragen nachgegangen. Die Gruppe hat diverse Gutachten vergeben. Deren wesentlichen Aussagen werden nachstehend zusammengefasst. Ausführlich sind alle Gutachten auf der Webseite des Netzwerkes Potsdam-Stadt für alle nachlesbar.[0]

    Zwischenfazit: Es gibt seitens der Stadt einen Ermessensspielraum, der jederzeit genutzt werden kann, wenn der Wille vorhanden ist. Es bedarf keines „Haus der Demokratie“ um das Nebeneinander von RZ und GK-Turm zu ermöglichen.

    Um einen Lösungsansatz für die Stadtpolitik und die Stadtverwaltung aufzuzeigen muss ein Blick in die Landesbauordnung und diverse Brandschutzgutachten geworfen werden.

    Die Einhaltung der Abstandsflächen ist zunächst eine bauordnungsrechtliche Frage. In Brandenburg regelt § 6 Brandenburgische Bauordnung (BauO Bbg) die Erforderlichkeit und den Umfang solcher Abstandsflächen. Danach muss zwischen den Gebäuden mindestens ein Abstand von 3m eingehalten werden (§ 6 Abs. 4 und 5 BauO Bbg). Damit soll ausreichende Belichtungs- und Belüftungsverhältnisse oder der Brandschutz gewährleistet werden.

    Die Besonderheit des vorliegenden Falls besteht darin, dass nicht etwa das neu hinzukommende Bauwerk, also der Turm der Garnisonkirche die Abstände einhalten soll, sondern das bestehende Hauptgebäude des ehemaligen Rechen- bzw. Datenverarbeitungszentrum. Dies soll durch (teilweisen) Rückbau dem neu hinzutretenden Bauwerk Platz machen und somit den Abstand sichern. 

    Die BauO Bbg erlaubt aber nach § 67 Abs. 1 Abweichungen von den Anforderungen des § 6. Dazu gehört auch die Unterschreitung der 3m-Regel. § 67 Ab.1 enthält eine Ermessensregelung. Die Behörde (die Bauverwaltung Potsdam) hat danach „nach pflichtgerechten Ermessen“ über den Antrag auf Abweichung zu entscheiden. Einen Anspruch auf Abweichung besteht allerdings nicht.

    Eine Abweichung ist nur dann genehmigungsfähig, wenn eine atypische Situation gegeben ist. Liegt diese Situation evtl. schon durch die Baureihenfolge vor? Was ist eine atypische Situation? Dazu gibt es zahlreiche Urteile bei verschiedenen Oberverwaltungsgerichten. Für den „Streitfall GK RZ“ besteht die Atypik darin, dass sich quasi der Garnisonkirchenturm in eine vorhandene Baulücke „quetschen“ musste, und es dabei nicht um eine von Wirtschaftlichkeit getriebene bessere Ausnutzung des Grundstücks geht. Letzteres wäre ein Versagungsgrund für eine Ausnahmegenehmigung.

    Darüber hinaus wäre es auch möglich durch eine Änderung des Bebauungsplans Nr.1 nach §9 Abs.1 Nr. 2a BauGB abweichende Maße der Tiefe der Abstandsflächen festzulegen. Eine Änderung des B-Plans ist ohnehin fällig, um die Sanierungsziele für das Gebiet den neuen Erfordernissen anzupassen. Auch für ein Haus der Demokratie als Teil des Forums an der Plantage, wäre eine B-Plan-Änderung notwendig gewesen. Die B-Plan-Änderung und den „weitestgehenden oder vollständigen Erhalt des Rechenzentrums“ fordert auch der SVV-Beschluss 20/SVV/0295.

    Die Stadt Potsdam hat 460.000 Euro in die brandschutzrechtliche Ertüchtigung des RZ und der GK gesteckt, damit ein Nebeneinander der Gebäude möglich ist. In dem entsprechenden Beschluss (DS 17/SVV/0720) steht explizit „Die Mehraufwendungen umfassen konkret folgende Punkte.

    Mehraufwand am Verwaltungsgebäude Rechenzentrum

    • Schließung der Fensteröffnungen zur Breiten Straße auf Höhe des Kirchturms, zur Vermeidung eines möglichen Brandüberschlags
    • Brandschutztechnische Dachertüchtigung, zur Vermeidung eines möglichen Brandüberschlags

    Gesamtkosten rd. 101.290 Euro

    Mehraufwand Stiftung Garnisonkirche

    • Untersuchung der Gründung und Statik, zum Nachweis, dass bei temporärem Verbleib des Verwaltungsgebäudes Rechenzentrum die Statik beider Gebäude nicht gefährdet ist,
    • Umplanung der Gründung für den Kirchturm inkl. Neuberechnung des Statik-Nachweises,
    • Umplanung der Freianlagen, und vieles andere.

    Gesamtkosten rd. 374.867 Euro.

    Als Brandschutz ist eine Brandschutzbarriere in F 90 erforderlich. Für diese Phase der Duldung ist die bereits realisiert. Dafür wurde viel städtisches Geld ausgegeben, um dies zu gewährleisten. Die Räume im Rechenzentrum, die durch das Nebeneinander der Gebäude oder die umgesetzten Brandschutzmaßnahmen nicht mehr den Anforderungen für Belichtung, Belüftung und Besonnung genügen, werden längst nicht mehr als Aufenthalts- sondern als Lagerräume vermietet.

    Im Ergebnis zahlreicher Brandschutzprüfungen wurde festgelegt, dass die „Ausbildung der Außenwände der Garnisonkirche als Brandwand und die nördlichen Öffnungsabschlüsse in Richtung des Rechenzentrums als feuerbeständige, dicht- und selbstschließende Abschlüsse ausgeführt werden.“ Die zuständige Brandschutzdienststelle, die Feuerwehr Potsdam hat die entsprechenden Festlegungen in ihrer Stellungnahme vom April 2019 nicht beanstandet. Das zusätzlich erstellte Brandschutzgutachten kommt zum Ergebnis, „dass Bedenken wegen des Brandschutzes trotz des geringen Abstands der beiden Gebäude nicht bestehen, und die bisherige bauaufsichtliche Feststellung nicht durch den Ablauf der Duldung zum 31.12.2023 erlischt. Aus brandschutzrechtlicher Sicht ist eine dauerhafte Parallelnutzung des Verwaltungsbaus ehemaliges Rechenzentrum einerseits und des Garnisonkirchturms andererseits nach heutiger Rechtslage möglich.“ [1]

    Somit wäre eine Erteilung der Abweichung nach BauO Bbg rechtlich möglich und in Anbetracht der bisher eingesetzten Geldmittel auch geboten. Da das Rechenzentrum Eigentum der Städtischen Pro Potsdam ist, wäre es deshalb ohne weiteres denk- und umsetzbar, dass die Stadt die Voraussetzungen einer Abweichung selbst herbeiführt.

    Die Rechtsgutachter kommen zum ErgebnisAus planungsrechtlicher und bauordnungsrechtlicher Sicht gibt es keinen zwingenden Grund, nach Ablauf der Duldung am 31.12.2023 Teile des Rechenzentrums abzureißen. Der wiederaufgebaute Turm der Garnisonkirche und das Gebäude des Rechenzentrums können koexistieren und schließen sich nicht zwingend aus. Die bestehenden Fragen sind rechtlich und technisch lösbar, besondere Risiken sind hiermit nicht verbunden.“ [2]

    Was nun?

    Es liegt vorrangig in den Händen der Stadtpolitik, ob Existenzen vernichtet und Freiräume für Besucher:innen vernichtet werden, oder ob (um mit der SPD-Kulturministerin des Landes, Frau Manja Schüle zu sprechen) im RZ weiterhin „ein kreatives Herz der Landeshauptstadt schlägt.“ [3]

    [0] http://dev.potsdam-stadtfueralle.de/2021/08/17/rz-erhalt-ja/

    [1] Bachmann, Prüfingenieur für Brandschutz, Gutachten vom 12.08.2021

    [2] Rechtsanwaltsbüro Leinemann & Partner, Gutachten zu den Abstandsflächen (05.08.2021)

    [3] MAZ vom 16.08.2021 https://www.maz-online.de/Lokales/Potsdam/Potsdam-Kulturministerin-Schuele-plaediert-fuer-Erhalt-des-Kreativhaus-Rechenzentrum

  • Guernica – Potsdam

    Die baskische Kleinstadt Gernika wurde am 26.April 1937 zerstört. Viele kennen sicherlich das danach entstandene Bild von Picasso: Guernica. Speziell zu seinem 50. Todesjahr werden zahlreiche Werke gezeigt. Das Gemälde Les Demoiselles d’Avignon von 1907 ist sicherlich eines der wichtigsten Picasso-Werke. Die Friedenstaube von 1949 eines der allgegenwärtigsten. Doch was hat dies mit Potsdam und dem Heute zu tun? 

    Der Luftangriff auf Guernica (baskisch Gernika) am 26. April 1937 durch Kampfflugzeuge der deutschen Legion Condor und der italienischen Legion Luftwaffe war eine völkerrechtswidrige Militäroperation während des Spanischen Bürgerkrieges im Baskenland. Es ging dem Hitler-Faschismus um den Schulterschluss mit den faschistischen Franco-Regime, welches die spanische Republik per Putsch 1936 zerstörte. Der Luftangriff hatte keine militärische Notwendigkeit, sondern diese politisch-strategische Bedeutung. Und er hatte eine technische Komponente. Die Nazis und viele ihrer Offiziere des Reichsluftfahrtministeriums sahen im Spanischen Bürgerkrieg eine Chance, neue Flugzeugtypen und Bomben unter Kriegsbedingungen zu testen.

    Mit der Legion Condor ist der Name Wolfram Freiherr von Richthofen eng verbunden. Richthofen war ab Januar 1937 Chef des Stabes der Legion Condor und während ihres Luftangriffs auf Guernica im April 1937 für die gezielten Bomben- und Stuka-Angriffe auf die Zivilbevölkerung mit verantwortlich. Dieser Angriff, bei dem die religiöse Hauptstadt des Baskenlandes fast vollständig zerstört wurde, war das erste Flächenbombardement auf Zivilisten in der Kriegsgeschichte und eines der ersten großen Ereignisse bei denen die deutsche Luftwaffe bewusst gegen das Kriegsvölkerrecht verstoßen hat.[1] Der Angriff kostete über 300 Zivilisten das Leben.

    Richthofen notierte nach persönlicher Besichtigung am Ereignisort seine Bewertung des Angriffs in seinem Kriegstagebuch: „Die 250er warfen eine Anzahl Häuser um und zerstörten die Wasserleitung. Die Brandbomben hatten nun Zeit, sich zu entfalten und zu wirken. Die Bauart der Häuser: Ziegeldächer, Holzgalerie und Holzfachwerkhäuser, führte zur völligen Vernichtung. (..) Bombenlöcher auf Straßen noch zu sehen, einfach toll.“ [2]

    Das damit begangene Kriegsverbrechen ist bis zu seinem Tod bewusst vertuscht, niemals eindeutig thematisiert worden, noch wurde er dafür rechtlich zur Verantwortung gezogen (auch nicht postum).

    Doch bevor der preußisch-militärisch geprägte Wolfram Freiherr von Richthofen seiner Begeisterung Ausdruck verleihen konnte, musste eine Luftwaffe aufgebaut werden, die dieses Grauen anrichten konnte. So kommen wir auch Potsdam näher, der Geburtsstadt des Dritten Reiches, der Hauptstadt des alten preußischen Denkens, der Reaktion. Potsdam war damals die Sammelgrube von Militärs und Monarchie-Anhänger:innen.

    Einer von diesen war der „General der Flieger“ Helmut Wilberg. Er wirkte bereits seit 1920 im Geheimen am Aufbau der Luftwaffe mit. Später arbeitete er, ebenso wie viele seiner alten „Kammeraden“ und von Richthofen im Reichsluftfahrtministeriums. Der nach dem 1. Weltkrieg mit Orden und Ehrungen überhäufte Wilberg übernahm 1935 den Aufbau der Luftkriegsschule am Potsdamer Stadtrand (Luftwaffenschule III). Ab Juli 1936 stellte er, unter strengster Geheimhaltung, den „Sonderstab W“ auf, der als Leitungsgruppe für den Einsatz der Legion Condor im Spanischen Bürgerkrieg fungierte. Unter seiner Organisation wurden ab 27. Juli 1936 die ersten Einheiten nach Spanien in Marsch gesetzt. Zuerst wurden mit Hilfe der Lufthansa/Luftwaffe 10.000 Soldaten der Franco-Truppen und Kriegsmaterial von Marokko nach Spanien geflogen (die erste Luftbrücke). Später wurden deutsche Soldaten dahin verlegt. Die Einheit verfügte über ca. 140 ständig im Einsatz stehende Flugzeuge und ca. 5000 „Freiwillige“. Der erste Kommandeur war Generalmajor Hugo Sperrle. Unter seiner Befehlsgewalt erfolgte das Bombardement durch 35 deutsche Flugzeuge auf die Stadt Guernica. Der Befehl dazu wurde erteilt im Wissen, dass der damit geplante Mord an Zivilisten eine demoralisierende Wirkung auf die republikanischen Verteidiger:innen Spaniens hat.

    An dieser Stelle ist Anzumerken, dass die heutige Henning-von-Tresckow-Kaserne (Sitz des Einsatzführungskommando der Bundeswehr im Wildpark-West, direkt hinter der Stadtgrenze) einschließlich der Bunkeranlage Kurfürst 1935 als Luftwaffenschule III mit dem zugehörigen Flugfeld in Werder errichtet wurde. Die Luftkriegsschule wurde für die Fliegerausbildung genutzt. In und um Potsdam fand Helmut Wilberg die Soldaten und Technik vor, die er nach Spanien verlegte. Es waren die „Wilsberg-Freiwilligen“, die unter dem Kommando von Sperrle und den Augen von Richthofens die Stadt Guernica und seine Bewohner:innen vernichteten.

    Heute werden von der Henning-von-Tresckow-Kaserne, unter anderen Voraussetzungen, die Auslandseinsätze der Bundeswehr koordiniert und geführt.

    Es stellen sich dennoch mindestens zwei Fragen:

    Wird am 26.04. vor Ort dem „dunklen“ Gründungskapitel des Kasernen-Standortes vor den Toren der Stadt gedacht?  Warum hat die Stadt Potsdam das Gedenken an die Spanienkämpfer:innen aus Potsdam in den Jahren 1991-1997 nahezu ausgelöscht und bis heute ausgeblendet?

    Vielleicht, weil kommunistischer oder sozialdemokratischer Antifaschismus und (bauliche) Rekonstruktion von Reaktion und Monarchie nicht zusammenpassen oder den Tourist:innen zu viele Fragen abverlangen würde?

    Der Spanische Bürgerkrieg von 1936 – 1939 war eine der ersten Epochen, in der es eine große internationale Unterstützung für den Kampf gegen den europäischen Faschismus und für eine gewählte demokratische Regierung gab. Spanien war in den Zeiten des aufkommenden Faschismus eine entscheidende Front. Dem Kampf gegen Franco, Hitler und Mussolini schlossen sich Tausende Freiwillige aus 54 Ländern an. So auch Antonia Stemmler, Eduard Claudius, Hans Marchwitza, Walter Junker, Kurt Vogel, Paul Kühne, Kurt Laube und weitere Menschen aus Potsdam, Babelsberg und Nowawes.

    Ein Beitrag von Carsten Linke

    [1] Klaus A. Maier: Die Zerstörung Gernikas am 26. April 1937 in: Militärgeschichtliches Forschungsamt (Hrsg.): Militärgeschichte. Zeitschrift für historische Bildung. Ausgabe 1/2007, S. 18–22.

    [2] Tagebuch von Wolfram von Richthofen, zitiert nach Hubert Brieden, Heidi Dettinger, Marion Hirschfeld: Ein voller Erfolg der Luftwaffe. Die Vernichtung Guernicas und deutsche Traditionspflege., Nördlingen, 1997, S. 72.