Nach dem Abriss der Fachhochschule konzentriert sich die Auseinandersetzung um die Stadtmitte auf einen ganz zentralen Konflikt Potsdamer Stadtentwicklung: Bleibt das Rechenzentrum als Symbol von Kreativität, Selbstbestimmung und Widerständigkeit oder entsteht die alte Garnisonkirche als Symbol für Militarismus, Krieg und Rechtsextremismus wieder?
Unsere Autor*innen erzählen vom „Lernort Garnisonkirche“, von den vielen Aktionen der BI „Für ein Potsdam ohne Garnisonkirche“ und haben quasi nebenbei ein Geschichtsbuch darüber geschrieben, welche Epoche warum die Stadtmitte von Potsdam dominieren sollte.
Demonstration am 15. September 2021 // 17 Uhr // Start vom dem Rechenzentrum
Wir rufen zur Demonstration „Für ein Potsdam mit Rechenzentrum“ auf.
Das Rechenzentrum, ein städtischer Ort der Kultur, Kunst und Begegnung, den Hunderte von Menschen, Gruppen und Initiativen intensiv und divers nutzen, ist nach wie vor vom Abriss bedroht – und das völlig ohne Not!
„Üb immer Treu und Redlichkeit“ sowie „Lobet den Herrn“ erklangen heute vor 107 Jahren im nervigen Halbstundentakt. Der erste große Sieg wurde gefeiert, nachdem am 01.August 1914 im Neuen Palais der deutsche Kaiser dem Rest der Welt den Krieg erklärte. Der Sieg bei Tannenberg (30.08.1914) galt vielen als Beweis dafür, dass die deutschen das von Gott auserwählte Volk waren und dafür, dass die deutsche militärische Führungskunst überlegen ist. Auch die Richtigkeit des Dogmas der Vernichtungsschlacht wurde bestätigt. Geschickt inszenierte die zeitgenössische Propaganda den umfassenden Sieg als erfolgreichen Kampf des „Germanentums“ gegen das „Slawentum“. „Inszenierung“ ist auch das Label des Glockenspiels an der Plantage.
Ein seltsames Demokratie- und Selbstverständnis offenbarte gestern im Hauptausschuss Oberbürgermeister Mike Schubert. Er agierte wie „der kleine König“ aus dem Abendgruß des Sandmanns. Schuld hatten nur Pferd Grete, Hund Wuff oder die Katze Tiger; nur er nicht. Der Anlass: Unter Sonstiges kritisierte der LINKEN-Politiker Dr. Scharfenberg die Erklärung des Kuratoriums der Stiftung Garnisonkirche und wies drauf hin, dass diese einstimmig getroffen wurde. Also mit der Stimme des OBM. Der Beschluss gefährde die Offenheit des Diskussionsprozesses, so Scharfenberg. Im Nachgang entspannte sich eine illustre Debatte dazu.
Heute weist die Ortsgruppe Potsdam von Architects for Future mit mehreren gutachterlichen Stellungnahmen nach, dass der Erhalt des Kunst- und Kreativhauses möglich und geboten ist. „Hier schlägt ein kreatives Herz der Landeshauptstadt. In dem Bau der Ostmoderne ist in den vergangenen Jahren ein unglaublich kreativer und lebendiger Sozialraum entstanden“, findet auch die Kulturministerin Brandenburgs.[1] Manja Schüle hat sich gestern ebenfalls für den Erhalt des Kreativhauses Rechenzentrum ausgesprochen.
Seit Jahren behaupten Vertreter*innen der Stadt Potsdam sowie die der Stiftung Garnisonkirche, dass mit dem Bau des Turms der Garnisonkirche aus baurechtlichen wie brandschutztechnischen Gründen der Abriss zumindest eines Teils des Rechenzentrums erforderlich wäre. Die dieses Jahr neu gegründete Ortsgruppe von Architects for Future e.V. hat führende Experten um eine Prüfung des Sachverhaltes gebeten. Die Gutachter stellen im Pressegespräch die Ergebnisse ihrer fachlichen Prüfung vor stehen zu Fragen Rede und Antwort.
Am 29.7.2021 hat das Brandenburgische Landesamt für Denkmalpflege und Archäologische Landesmuseum (BLDAM) bekannt gegeben, dass das iserlohnsche Glockenspiel bereits am 19.7.2021 in die Denkmalliste des Landes Brandenburg eingetragen wurde und somit unter Denkmalschutz gestellt wurde.[1} Die Denkmalseintragung dürfte einen Abriss und ein Einschmelzen des iserlohnschen Glockenspiels verhindern, was zuvor noch diskutiert wurde.
Das Brandenburgische Landesamt für Denkmalpflege sitzt in Zossen, Ortsteil Wünsdorf, wo im 2. Weltkrieg auch die Wehrmacht saß. In Wünsdorf, einem Ortsteil von Zossen, befand sich der Sitz des Oberkommandos des Heeres (Bunkeranlage Maybach I) und der des Oberkommandos der Wehrmacht (Bunkeranlage Maybach II) sowie die Nachrichtenzentrale der Wehrmacht im Bunker Zeppelin.[2]
Wie gestern bekannt wurde, hat das Landesdenkmalamt Brandenburg den 1991 auf der Plantage errichteten Nachbau des Glockenspiels der Potsdamer Garnisonkirche, auf Antrag eines nicht genannten Dritten, unter Denkmalschutz gestellt. Grund: es sei als Gegenstand einer 30-jährigen intensiven stadtpolitischen Debatte ein schützenswertes Zeugnis der jüngeren Zeitgeschichte. Nach dieser Amtslogik hätte die stark debattierte Fachhochschule nie abgerissen werden würfen und müssten der Staudenhof, das Rechenzentrum und das Mercure-Hotel zeitnah unter Denkmalschutz gestellt werden!
Gestern weckte und erschreckte die MAZ die Online-Leser*innenschaft um 06:12 Uhr mit der Meldung: Der halbe Turm steht! Gemeint ist die Kopie des Garnisonkirchenturms, die auch schon von einer Pastorin „Monster“ genannt wurde.
Allein schon die Vorstellung, dass dieser pseudobarocke Alptraum noch doppelt so hoch werden soll, lässt einen den morgentlichen Biss im Halse stecken bleiben. Das umstrittenste Bauwerk der Stadt – ein umstrittenes Bauwerk deutschlandweit, mit Kritik aus Frankreich und Polen – soll das dominanteste Bauwerk der Stadt werden. Die Huldigung von König, Gott und Militär über allem! Brechreiz.
Hauptthemen für unser Potsdamer Netzwerk „Stadt für alle!“ waren im 1. Halbjahr: das RAW-Projekt, der Housing Actions Day, das Thema Wohnen in Potsdam mit seinen zahlreichen Facetten und Problemen (ProPotsdam u.a.), die Garnisonkirche, das Rechenzentrum, Corona mit seinen Auswirkungen (z.B. für die Kulturszene) und die ersten Wahlkampfaspekte.
Der Rückblick zeigt auch, was alles unerledigt geblieben ist! So z.B. die Einbeziehung der Stadtgesellschaft beim Thema Kirchenschiffalternative. Es fehlt immer noch an einem klaren Bekenntnis zum Kompletterhalt des Rechenzentrums. Eine Milieuschutzsatzung fehlt ebenfalls noch. Das Baulandmodell bleibt vieles schuldig. Es wirft keine Sozialwohnungen ab. Hinter Krampnitz müssen Fragezeichen gesetzt werden. Ebenso hinter dem Grundanstrich der Grünen, denn ihre Politik ist alles andere als ökologisch-grün. Das wurde am Bsp. Staudenhof deutlich.
Die Bundesnotbremse läuft heute am 30. Juni 2021 aus. Schon gestern wurde der deutsche Fußball bei der EM ein Auslaufmodell. Ebenso wie Jogi Löw. Selbst der Bundeswehreinsatz in Afghanistan hat nach fast 20 Jahren nun ein Ende gefunden. Auch das Ende der Kanzlerinnenschaft von Frau Merkel rückt in greifbare Nähe. Nur der Streit um die Garnisonkirche und das Areal darum, findet kein Ende. Kann er auch nicht.
Erst kürzlich, am Vorabend des Jahrestages des Zusammenfalls des Turms der ehemaligen Hof- und Garnisonkirche (19.06.1968), machte das Kuratorium der Stiftung GK von sich reden. Die Terminwahl passt zum Opferkult der Stiftung, den sie selbst zelebriert. Sie äußerte sich zum Design-Thinking-Prozess den OBM Schubert (selbst funktionales Mitglied dieses Kuratoriums) organisiert hat. Die Stiftung überraschte erneut mit Selbstverständlichkeiten und Belanglosigkeiten.