Kategorie: Garnisonkirche & Rechenzentrum

Nach dem Abriss der Fachhochschule konzentriert sich die Auseinandersetzung um die Stadtmitte auf einen ganz zentralen Konflikt Potsdamer Stadtentwicklung: Bleibt das Rechenzentrum als Symbol von Kreativität, Selbstbestimmung und Widerständigkeit oder entsteht die alte Garnisonkirche als Symbol für Militarismus, Krieg und Rechtsextremismus wieder?
Unsere Autor*innen erzählen vom „Lernort Garnisonkirche“, von den vielen Aktionen der BI „Für ein Potsdam ohne Garnisonkirche“ und haben quasi nebenbei ein Geschichtsbuch darüber geschrieben, welche Epoche warum die Stadtmitte von Potsdam dominieren sollte.

  • „Der Turm stürzt ein“

    Das war eindeutig das heutige Lieblingslied bei der Protestveranstaltung gegen die offizielle Eröffnung der Garnisonkirche in Potsdam.
    Vormittags, mitten in der Urlaubszeit, gerade mal zwei Wochen vorher angekündigt – der Festakt zur Eröffnung des Turms der Garnisonkirche reihte sich ein in ein Bild, was wir seit Langem kennen: Gegenstimmen ignorieren, Bürger*innenwille ausbremsen und dieses Elitenprojekt durchdrücken – koste es, was es wolle.

    Und trotzdem oder gerade deshalb kamen an diesem Donnerstag früh rund 200 Menschen zusammen und bereiteten den Gästen des Festaktes einen unfreundlichen und wütenden Empfang. Sichtbar in der Überzahl, laut mit den Sprechchören „Lügner!“, „Heuchler!“, „Schämt Euch!“ signalisierten die Menschen in Potsdam zum wiederholtem Male, was sie von dieser Kopie der Militär – Nazikirche halten.

    Auf Transparenten, Schildern und vielen O – Tönen gegenüber den zahlreich versammelten Medien wurden die Kritikpunkte an diesem Projekt noch einmal deutlich.

    Besonders laut wurde es, als der Bundespräsident Steinmeier und der Ministerpräsident Woidke in ihren Luxuslimousinen ankamen.
    Wie kann man als SPD – Politiker in der aktuellen gesellschaftlichen Konstellation, in der Viele – auch die Beiden – vor Rechtsruck und Gefährdung von Demokratie warnen, kurz vor den Wahlen einen solchen Militär – und Naziturm einweihen?

    https://x.com/KplZentrale/status/1826542791209451628

    Laut war der Empfang für den Bundespräsidenten.

    Hier veröffentlichen wir den Redebeitrag von Sara Krieg von der BI Potsdam ohne Garnisonkirche:

    Hey Leute,

    ich freue mich sehr, dass ihr es an diesem Donnerstagvormittag hierher geschafft habt, um mal wieder mit uns die Stiftung Garnisonkirche und ihre seltsame Gefolgschaft zu ärgern.

    Diesmal haben wir keinen ganz so großen Aufwand betrieben wie zur Kapelleneröffnung am Ostermontag. Das war eine coole Aktion, mit Livebands und allem Drum und Dran. Wir haben einen gottverdammten Turm gebaut und wieder eingerissen. Sogar Jesus war da, um uns zu segnen. Good times.

    Man hat ja so viel Ärger mit dieser ganzen Scheiße hier, da ist es auch wichtig, ein bisschen Spaß zu haben. Es ist sowieso alles einfach nur absurd und lächerlich, oder? Ich meine, was soll das? Was zur Hölle machen wir hier eigentlich? Wir müssen uns ernsthaft hier hinstellen und sagen, dass wir es doof finden, dass die Geburtsstätte des Dritten Reichs als Touristenattraktion mitten in unsere Stadt gebaut wird? What the fuck?

    Ich saß gestern zuhause, um diesen Redebeitrag zu schreiben, und ich muss euch ehrlich sagen, dass das auch nach vielen Jahren des intensiven Engagements nicht leichter geworden ist. Ich bewundere die Leute in unserer Initiative wie Carsten Linke, die kritische Texte zur Garnisonkirche einfach so im Schlaf aus dem Ärmel schütteln. Carsten würde mit einem abgebrochenen Bleistift zwischen den Zehen während einer Fahrt im Breakdancer auf dem Rummel im Lustgarten einen Fachartikel zur Garnisonkirche schreiben, der mehr Substanz hätte ist als die gesamte Online-Ausstellung dieser peinlichen Stiftung. Denn die haben offensichtlich keinen Carsten, was wohl daran liegt, dass ein Carsten niemals für so einen Saftladen arbeiten würde.

    Wie auch immer, ich habe mich also gestern hingesetzt und überlegt, was ich heute sagen will. Es ist wirklich jedes Mal schwer. Ich habe über die Jahre viel geschrieben – Pressemitteilungen, Redebeiträge für Veranstaltungen, E-Mails an Bundestagsabgeordnete, das ganze Programm. Und jedes Mal, wenn ich mich hinsetze, braucht es erstmal einen Prozess der Überwindung. Jedes Mal überkommt mich diese schiere Fassungslosigkeit und diese Wut darüber, dass das hier ernsthaft passiert und dass ich das überhaupt kommentieren muss. Jedes Mal ringe ich mit mir, um wieder mal geduldig und in jugendfreier Sprache zu erklären, warum das alles ein Haufen verlogener Scheiße ist. Jedes Mal will ich einfach nur schreiben: „Was zur Hölle soll das?“

    Aber das geht natürlich nicht. Sowas kann man nicht an die Presse oder an Abgeordnete schicken, wenn man halbwegs ernst genommen werden will. Auch wenn die meisten Journalist*innen, zumindest die überregionalen, offenbar das Gleiche denken. Es ist manchmal fast schon witzig, denen Interviews zu geben, weil die das auch einfach nicht fassen können, was zur Hölle hier los ist. Trotzdem kann man das nicht einfach so sagen und schreiben. Also tun alle so, als wäre es ganz normal, dass man darüber spricht, ob es eine gute Idee ist oder nicht, dieses Denkmal der Täter*innen zu rekonstruieren und die ganze Scheiße auch noch aus der Staatskasse zu bezahlen.

    Es ist wirklich absurd.

    Zurück zu heute. Der große Tag der Eröffnung. Ich stehe jetzt hier und soll etwas zu euch sagen. Ich darf für die Bürger*inneninitiative Potsdam Ohne Garnisonkirche sprechen, die 16.000 Unterschriften gegen diesen Faketurm gesammelt hat und wirklich unglaublich viel dazu beigetragen hat, diesen Tag bis hierher hinauszuzögern. Ich war nicht mal von Anfang an dabei. Wie kann ich diesem Anlass gerecht werden? Welche Themen soll ich aufgreifen? Es ist das gleiche Problem wie immer. Es ist alles so uferlos und so unglaublich, weil das so ein Riesen Haufen Scheiße ist.

    Wie wäre es mit der gruseligen Vorgeschichte des Wiederaufbaus? Die evangelische Kirche erfüllt die Preußen-Sehnsüchte eines rechtsextremen Bundeswehroffiziers aus Westdeutschland. Das allein reicht eigentlich schon. Kannste dir nicht ausdenken!

    Oder wie wär’s mit dem dreisten Geschichtsrevisionismus, mit dem die Stiftung den Leuten ihr Wahrzeichen des Terrors untergejubelt hat? Wie sie die Kirche bis heute in einer Opferrolle darstellt und damit auch ein deutsches Opfernarrativ verbreitet? Wie sie versucht hat, die Kirche als Keimzelle des Widerstands zu verkaufen, obwohl sie die Keimzelle der Gewalt war?

    Oder die ganze Finanzgeschichte, da kommt man ja auch nicht aus dem Staunen raus. Erst stellen sie sich hin und spucken große Töne, dass das alles aus Spenden finanziert wird. Alle so: „Ok dann macht das halt.“ (Also, nicht alle, aber die entscheidenden Leute.) Und dann klappt das nicht, weil das einfach ein Nazi-Kirche ist und Gott sei Dank nicht genug Leute für eine Nazi-Kirche spenden wollen. Aber anstatt daraus eine wertvolle spirituelle Erkenntnis zu ziehen und sich anderen Dingen zu widmen, probieren sie ihr Glück einfach woanders und beschaffen sich die Kohle über ihre guten Beziehungen in der Politik und in der Kirche, wo bei den dazugehörigen Regularien auch mal ein paar Augen zugedrückt werden.

    Was gibt’s noch? Oh ja, die hartnäckige Dialogverweigerung gegenüber der Potsdamer Stadtgesellschaft bei gleichzeitiger Vermarktung eines vermeintlichen Versöhnungsturms. Diese selbstgerechte Empörung, mit der jeder Kritik begegnet wird, als hätte man den Kaiser höchstpersönlich beleidigt. Das Ganze schön garniert mit Machtspielen und Kungeleien in der Potsdamer Stadtpolitik. Und das Rechenzentrum, das so wertvoll ist für das Leben in dieser Stadt, wollen sie am liebsten platt machen.

    Wie gesagt, es ist uferlos und es ist wirklich unfassbar. Man kann dafür kaum Worte finden, und trotzdem hat eine unermüdliche Allianz von Antifaschist*innen es immer wieder geschafft, genau diese Missstände zu beschreiben, zu dokumentieren und sichtbar zu machen. Damit es niemals, niemals, NIEMALS unwidersprochen bleibt.

    Darauf kommt es an. Und das ist auch die Antwort für mich, für heute und für diesen Redebeitrag. Ich habe mir genug sachliche und diplomatische Ergüsse zu diesem Skandal aus dem Hirn gepresst. Heute ist der Tag der Klarheit. Heute wird dieses Scheißding eröffnet und heute ist es mir scheißegal und heute sage ich es, wie es ist.

    Dieser Turm ist 57 Meter verlogene Scheiße!

    Zuletzt: Genau das ist das Problem:

  • Aufruf zur Mitzeichnung

    GARNISONKIRCHE POTSDAM – DIE VERBINDUNGEN ZU RECHTSEXTREMEN BRECHEN!

    Am kommenden Donnerstag, den 22. August wird unter Beteiligung des Bundespräsidenten Frank Walter Steinmeier der wiederaufgebaute Turm der Garnisonkirche Potsdam eröffnet. Der Bau ist nicht nur ein zentrales Symbol für den preußisch-deutschen Nationalismus, sondern seit über hundert Jahren auch für Rechtsextreme. So ist es bezeichnend, dass die Veteranenvereinigung der Waffen-SS HIAG zur Deutschen Wiedervereinigung im Oktober 1990 eine große Abbildung des Baus kommentarlos auf dem Cover ihrer Verbandszeitschrift platzierte. Und die rechtsextreme Zeitschrift Compact begrüßte mit einem dreiseitigen Artikel unter dem Titel „Preußens Herz muss wieder schlagen!“ das Wiederaufbauprojekt im Januar 2018 und erneut im Dezember 2023 (siehe unten).

    Der Lernort Garnisonkirche Potsdam und sein wissenschaftlicher Beirat, die das Projekt seit 2020 kritisch begleiten, fordern daher in einem Brief den Bundespräsidenten als Schirmherr des Projektes auf, sicherzustellen, dass das Projekt keine Anschlussfähigkeit für Rechtsradikale mehr bietet. Daher soll die Stiftung Garnisonkirche Potsdam:

    –              ihre Satzung ändern und keinen Bezug mehr nehmen auf den „Ruf aus Potsdam“ von 2004, dem eine geschichtsrevisionistische Täter-Opfer-Umkehr zu Grunde liegt.

    –              darauf verzichten, den Kirchturm mit dem noch fehlenden militärischen Bauschmuck und der Turmhaube zu versehen, und damit einen für jeden sichtbaren Bruch zur historischen Baugestalt vollziehen.

    –              endgültig und bedingungslos auf den Nachbau des Kirchenschiffs verzichten und eine Koexistenz mit dem Bau des Rechenzentrums dauerhaft zustimmen, so dass die Geschichte des Ortes mit Bau und Gegenbau auch für zukünftige Generationen lesbar bleibt.

    Wir möchten Euch einladen und auffordern, den Brief online mit zu zeichnen! Über diesen Link:

    https://weact.campact.de/petitions/garnisonkirche-potsdam-die-verbindungen-zu-rechtsextremen-brechen

    Ebenso wären wir dankbar, wenn ihr auch in Euren Netzwerken Eure Freunde und KollegInnen darauf aufmerksam macht und dazu einlädt.

    Der Lernort Garnisonkirche und sein wissenschaftlicher Beirat

    Prof. Dr. Gabi Dolff-Bonekämper, Prof. Dr. Michael Daxner, Prof. PhD Geoff Eley, Prof. Dr. Karen Hagemann, Prof. PhD Susannah Heschel, Prof. Dr. Horst Junginger, Dr. Anette Leo, Prof. Dr. Philipp Oswalt, Prof. Dr. Andreas Pangritz, Dr. Agnieszka Pufelska, Prof. Dr. Wolfram Wette, Probst i.R. Michael Karg als Vorsitzender der Martin-Niemöller-Stiftung, Carsten Linke für den Verein zur Förderung antimilitaristischer Traditionen in der Stadt Potsdam e.V.

  • Der Turm geht offline

    „Der Turm stürzt ein – Der Turm stürzt ein – Halleluja der Turm stürzt ein“. Noch nicht. Der Ton-Steine-Scherben-Song beginnt mit „Auf den Asphaltfeldern grasen goldene Kälberherden Tag und Nacht …“ Nun ist der Tag gekommen, uns sie grasen neben dem golden Kalb an der breiten Asphaltstraße. Sie wollen ihren Turm, ihren Aussichtsturm mit Gebetsanschluss einweihen. Am 22. August ist es soweit. Mit vielen, vielen Jahren Verspätung wird das immer noch unfertige Streitobjekt in Nutzung genommen; unversöhnlich.

    Anlässlich des Besuchs des Bundespräsidenten Steinmeier (SPD) in seiner Eigenschaft als Schirmherr des Wiederaufbaus der Garnisonkirche, ruft die BI für Potsdam ohne Garnisonkirche zum Protest auf:

    „Vor 100 Jahren wurden Sozialdemokrat*innen in Potsdam von Nazis ermordet, die sich in der Garnisonkirche für ihre menschenverachtenden Sehnsüchte den Segen Gottes abholten. Heute nennen Sozialdemokrat*innen die steuerfinanzierte Kopie des reaktionären Symbolbaus ihr Eigen: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wird als Schirmherr des gottlosen Militärtempels mit allerhand Politprominenz am 22. August in der Breiten Straße aufwarten. Mit einer Festansprache, Musik und Turm-Begehung eröffnen sie die vom Bundesverteidigungsministerium finanzierte Ausstellung und geben den Startschuss für eine weitere preußische Disneyland-Schaubude in Potsdam, ohne Sinn und Verstand – einfach WOW!

    Mit atemberaubender Skrupellosigkeit hat ein unseliges Bündnis aus Staat, Kirche und Militär unter dem Vorwand der „Versöhnung“ ein Denkmal der Täter*innen in unsere Stadt gepflanzt. Eine unendliche Geschichte eines beispiellosen Skandals lässt sich erzählen: über Geschichtsklitterung, Tricksereien, Kungeleien, Machtspiele, Missbrauch von Gedenkstättenmitteln, das jahrzehntelang währende Versprechen der vollständigen Spendenfinanzierung. Am Ende haben sie ihren preußischen Luxusturm gebaut, auf Kosten der Allgemeinheit und ohne echte demokratische Beteiligung der Stadtgesellschaft. Im Gegenteil, der Widerstand gegen den Wiederaufbau wurde sogar permanent diskreditiert und bekämpft, auch nachdem in Rekordzeit 16.000 Menschen das Bürger*innenbegehren gegen den Wiederaufbau unterschrieben. Soziokreative, basisdemokratische Orte wie das Rechenzentrum sind für Barockextremist*innen nur leidige Hindernisse auf dem Weg zum ultimativen Preußen-Freilichtmuseum.

    Reaktionäre Monotheist*innen, Militär- und Preußenfans und Politprominenz: Euer Gesülze von Versöhnung hängt uns zum Hals heraus!

    Es ist und bleibt die Nazi-Kirche gegen Bürger*innenwillen! Kommt vorbei und bringt alles mit, was Lärm macht!“

    Beginn des Protests: 9:30 Uhr mit Morgenfluch; Wo: Breite Straße vor der IHK; Start der Eröffnungsveranstaltung ist gegen 11:00 Uhr

  • Ein Heim für die Kreativwirtschaft: Utopie und Realität

    Heute (26.04.2024) ist es sechs Jahre her, dass sich in der 36. Sitzung des Kulturausschusses nahezu alle Tagesordnungspunkte um die Kultur-, Kunst- und Kreativwirtschaft sowie die Zukunft des Rechenzentrums drehten.

    Tagesordnungspunkte:

    3.1 Weiternutzung Rechenzentrum

    3.2 Dauerhafte Unterbringung der Kultur- und Kreativwirtschaft

    3.3 Ein Kunst- und Kreativhaus für Potsdam

    3.4 Bürgerhaushalt 2018/19 Nummer 11: Rechenzentrum langfristig sichern (Aussetzung Sanierungsziel Abriss)

    4.1 B-Plan Nr.78, Erhalt des Kunsthauses „sans titre“

    4.2 Räume für Kulturschaffende und Kreative

    Bei diesem TOP 4.2 wurden die Ergebnisse des „Szenario-Workshops zur Strategieentwicklung für die Kultur- und Kreativwirtschaft in Potsdams Mitte“ vorgestellt.

    Von all den Ergebnissen ist im Zusammenhang mit der laufenden Baumaßnahme „KreativQuartier“ wenig oder nichts übrig geblieben. „Die Nutzenden können selbst den Betrieb und die operative Koordinierung übernehmen. Damit sind bedarfsspezifische selbstbestimmte Spielregeln und eine langfristige, nachhaltige und erfolgreiche Entwicklung gegeben. … Die Räume passen zu den Kultur- und Kreativschaffenden wie ein Maßanzug, das heißt, es gibt ein definiertes Raumkonzept mit einem Anteil hochflexibler Nutzungsmöglichkeiten.“ So hieß es im gemeinsam erarbeiteten Zielbild. Ein Kernaspekt sollte sein: „Es wird eine gemeinwohlorientierte Immobilienentwicklung geben, zum Beispiel mit einer Stiftung. Es wird eine Rechtsform gefunden, die die dauerhafte Sicherung des Standortes für die KKW garantiert.“ Lustig, wenn es nicht so traurig wäre.

    Heute hat die Ideal-Versicherung das Sagen beim Bauprojekt. Von Sicherheit und Gemeinwohlorientierung kann keine Rede mehr sein. Doch besonders bedenklich ist, dass auch alle anderen politischen Verheißungen durch die Stadtpolitik nicht eingehalten werden. Der Einfluss der Stadt auf das Projekt ist aufgrund von schlechter Vertragsgestaltung gering. Der Vertrag lässt dem Investor viele Schlupflöcher, so dass auch das politische Hauptziel und Versprechen, preiswerte Räume für die Kreativwirtschaft (8.000 qm von insgesamt 25.000 qm) nicht mehr erreichbar ist. Dies ist besonders problematisch, da der Investor das Grundstück zum Vorzugspreis bekam.

    Neun Euro sollte die vertraglich mit der Landeshauptstadt beschlossene Netto-Kaltmiete für diese Flächen betragen. Auf Grund zahlreicher Vertragsschwächen kommen nun folgende Kosten noch hinzu: eine Indexmiete (Indexierung nach Verbraucherpreisindex der an die Inflationsrate gekoppelt ist, also mehr als 1 Euro zusätzlich), die Kaltmiete für anteilige Gemeinschaftsfläche pro Gebäude (ggf. 10 % mit über 20,-/qm macht mindestens 2 € Zusatzkosten), weitere vier bis fünf (oder sechs) Euro pro Quadratmeter für Heiz- und Betriebskosten sowie Verwaltung und Management für Miet- und Gemeinschaftsflächen. Plus 19 Mehrwertsteuer, von der nicht alle Nutzenden befreit sind. Pi mal Daumen: 20 Euro pro Quadratmeter! Böse Zungen behaupten, dass die Indexmiete schon seit Mitte 2023 einsetzt und nicht erst zur Eröffnung (die ggf. 2026 sein wird) oder zum Erstbezug. Dann wäre es nochmals deutlich teurer. Auch weil sich jede Kostenerhöhung durch die Mehrwertsteuer um Faktor 1,19 steigert.

    Diese Kostentreiberei ist scheinbar normal, wenn einfallsreiche Kapitalist:innen auf ahnungslose Verwaltungen, schlechte Rechtsabteilungen und unzureichende politische Führung treffen.

    Übrigens: Die restlichen Flächen (ca. 17.000 qm) starten voraussichtlich mit einer Miete über 20 Euro pro Quadratmeter, ebenso netto kalt. Auch hier kämen die Kosten für die Gemeinschaftsflächen, Heiz- und Betriebskosten, Management usw. noch oben drauf.

    Fazit: Sechs Jahre nach den Workshops und der anschließenden Selbstbeweihräucherung bezüglich der vollmundigen Erzählungen ist Nüchternheit eingetreten. Ein Eingeständnis des Scheiterns seitens der Stadt fehlt noch. Da heute auch das Scheitern bei der Sicherung des Freilands bekannt wurde, stellen sich viele Fragen.

    https://www.tagesspiegel.de/potsdam/landeshauptstadt/nach-intervention-der-kommunalaufsicht-potsdam-muss-verfahren-fur-freiland-sicherung-stoppen-11573516.html

    P.S. Die Tagesordnungspunkte vom Kulturausschuss am 26.04.2018, die Punkte 3.1 – 3.3 wurden verschoben. Beim TOP 3.4 wurde das Votum der Bürger:innen im Bürgerhaushalt zur RZ-Sicherung vom Ausschuss missachtet und das Ansinnen abgelehnt.

  • Ein Lied für den Frieden

    Wir brauchen ein Lied für die Garnisonkirche. Ein Friedenslied. Niemand nutzt das Wort Frieden mehr als die Stiftung Garnisonkirche.

    Gibt jemand „Kirche Frieden Potsdam“ in die bekannteste Suchmaschine ein, kommen viele Einträge zur Friedenskirche. Das ist ärgerlich. Lautet die Eingabe aber „Garnison Frieden Potsdam“ kommt natürlich die Garnisonkirche zuerst. Ein Ort des Friedens. Ein Heil für uns alle, in diesen kriegerischen Zeiten. Der junge Pfarrer Kingreen und die Stiftung glauben, dass Glauben immer hilft. Und sie denken, trotz gegenteiliger Belege, dass die alte Wetterfahne des Soldatenkönigs Gottesfurcht ausdrückt: „Nec soli cedit“. Nicht einmal der Sonne weicht er, genau wie sie. Und sie hoffen, dass es beim Wiederaufbauprojekt keine Misstöne gibt, sondern nur eine Vielstimmigkeit, und auch die letzten Ungläubigen den Weg des Friedens finden werden.

    Diese neue Kapelle mit ihrem Aussichtsturm ist ein Verwandlungs- und Multitalent. Initiiert von Rechten, Konservativen und Leichtgläubigen hat sie sich das Projekt zum Hort der Friedens-, Versöhnungs- und Bildungsarbeit gewendet. Der Weg dahin war und ist mit Stolpersteinen gepflastert. So ist die Stiftung nicht bereit, sich vom „Ruf aus Potsdam“ zu distanzieren, der sehr wohl von einem nationalistisches Opfernarrativ geprägt ist (und u.a. von Alexander Gauland mitunterzeichnet wurde). So geht Versöhnung.

    Ihre Füße richten sie nun auf den Weg des Friedens und behalten aber einen militärischen Namen: Garnisonkirche. Ist dies gelebte Konversion oder muss der Friede wieder bewaffnet sein? Sie hätten sich auch Heilig-Kreuz-Kapelle nennen können. Das hätte mehr Bezug zum Christentum und zur Geschichte des Objektes gehabt. Denn schon die Christen in der DDR gaben sich für ihr kleine Turmkapelle, in Kenntnis der Geschichte der Garnisonkirche, einen neuen Namen. Die wiedervereinigten Deutschen geben dem Ganzen hingegen wieder den Impetus des Preußischen, des Nationalen. Ein großes „geeintes“ Deutschland muss auch groß denken. Sie glauben, mit den Nagelkreuz auf dem alten Feldaltar ist nicht nur das Blut, sondern auch die Schuld getilgt. Eine tolle PR-Aktion. So wird Geschichte erinnert.

    Leider war der Name Friedenskirche in Potsdam schon vergeben. Auf einer Sanssoucci-Webseite steht: „Sie (die Friedenskirche) steht auch für den Wunsch des Königs nach Frieden und Versöhnung in einer Zeit, die von politischen Unruhen und Konflikten geprägt war. Ihre Weihe im Jahr 1848, ein Jahr der politischen Umbrüche in Europa, unterstreicht die Botschaft des Friedens, die von diesem Ort ausging.“ Auf solche Wortakrobatik muss mensch erst mal kommen. 1848 wünscht sich der kriegstreibende König (Friedrich Wilhelm IV) aus Angst vor Veränderung und Machtverlust, dass mit ihm versöhnlich umgegangen wird und nicht der Kopf abgeschlagen wird. Aus „Friede mit euch“, wird „Friede mit mir“.

    Dies wiederum passt auch zum Habitus der Garnisonkirchen-Propagandist:innen. Sie wollen doch nur spielen: Friedensengel. Nachdem über tausend Jahre in Gottes Namen Krieg geführt und geprädigt wurde, wollen sie nun Frieden haben. Sie wollen mit dem Wort Frieden spielen und zeitglich nicht die Spender:innen verprellen, die die alten Zeiten wieder haben oder zumindest „sehen“ wollen. Die alten Witwen oder die politisch rechts stehenden Spender:innen, deren Namen die Stiftung nicht wissen will und auch nicht preis geben möchte. Pecunia non olet.

    Das Friedensmusikkorps der Bundeswehr spielt für das Stabs-Carillon der Garnisonkirche, oder andersherum?

    Nun soll am 7. Mai eine Militärkapelle aufspielen, um bei einem Benefizkonzert in der Nikolaikirche Geld für das „Friedens-Carillon der Garnisonkirche“ einzuspielen. Militärs hatten die Idee zum Aufbau des Glockenspiels in Iserlohn und der Verbringung nach Potsdam. Militärs hatten die Idee, im Ausland gefallene Soldaten in der Garnisonkirche aufzubahren und zu ehren. Militärs saßen und sitzen im Kuratorium der Stiftung Garnisonkirche und Militärs spielen nun wieder eine Geige. Selbst die Militärseelsorge der Bundeswehr gehört zu den Spender:innen für den Wiederaufbau der ehemaligen Militärkirche. Bestimmt weil der Bundeswehroffizier Max Klaar nur gottesfürchtig und nicht rechts war und wir heute eine Friedensarmee haben, die völlig selbstlos und ohne politische oder wirtschaftliche Interessen Peacekeeping in der Welt betreibt. Und aktuell wieder dauerhaft an der Memel stationiert ist.

    Welches Liedgut das „Friedens-Carillon“ (falls es jemals ertönt) spielen wird, bleibt abzuwarten. Zu jeder vollen Stunde „Give Peace a Chance“ und zu jeder halben „Ein bisschen Frieden“?

    Als kürzlich im Zusammenhang mit der Inbetriebnahme der Turmkapelle Pfarrer Kingreen wieder davon anfing, dass die goldene Wetterfahne der Preußen die Stadtkrone bilden soll, weil die angebetete Sonne ein Gottessymbol sei, stelle ich mir den Glanz vor. Eine eigene goldene Sonne scheint über das prachtvolle barocke, wieder aufgebaute Potsdam.

    Schööön.

    Die Sonne als Wetterfahne der Garnisonkirche und Stadtkrone. Die Sonne, ein Macht- und Gottessymbol. Wir Potsdamer:innen hätten dann alle eine Platz an der Sonne. Zusätzlich zu den blühenden Landschaften und den steigenden Mieten. Toll!

    Vor fast 60 Jahren wurde die Kirchenruine gesprengt, jetzt steht der Turm und in der Zukunft soll auch das Schiff entstehen. So Gott und OBM Schubert wollen. In Anbetracht dessen, in Anbetracht der „Wiedervereinigung des Vaterlandes“ und all den zahlreichen Rekonstruktionsbestrebungen zur Überwindung der Ruinen und „sozialistischen Notdurftarchitektur“ braucht es einer musikalischen Würdigung.

    Ein Lied für das Carillon muss gefunden werden. Ein Lied des Lichtes, welches auch das Streben der Stiftung nach Frieden und Versöhnung sowie dem Dienst am Guten würdigt.

    Zum Glück gibt es dies schon!

    „Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt,

    laß uns dir zum Guten dienen, Deutschland, einig Vaterland.

    Alte Not gilt es zu zwingen, und wir zwingen sie vereint,

    denn es muß uns doch gelingen,

    daß die Sonne schön wie nie über Deutschland scheint.

    P.S: Leider können wir Herrn Becher nicht mehr fragen, ob wir „Deutschland“ in der letzten Zeile durch „Potsdam“ ersetzen dürfen. Da aber der Wiederaufbau der Garnisonkirche in Potsdam von nationaler Bedeutung ist, brauchen wir eigentlich keine Textänderung, sondern nur das alte Selbstbewusstsein: an Potsdams borussischen Wesen, wird auch Deutschland genesen.

    O.W.

    .

  • Das Nagelkreuz von Coventry

    Der Pfarrer und Friedensaktivist Paul Oestreicher hatte das Nagelkreuz von Coventry vor 20 Jahren nach Potsdam gebracht. Nun forderte er, das Kreuz vom umstrittenen Feldaltar der Turmkapelle zu entfernen.

    Am Ostermontag wurde der alte Feldaltar der Garnisonkirche in die neue Kapelle des Turms der Garnisonkirche geschleppt und auf ihm thronte symbolisch das Nagelkreuz. Dass der Altartisch umstritten ist, ist nicht neu. Neu ist, das Paul Oestreicher sich kritisch über die Nutzung des Nagelkreuzes äußert. Dass er das Wiederaufbauprojekt kritisch sieht, ist nicht neu.

    Der inzwischen 92-jährige in Neuseeland lebende Pfarrer und Friedensaktivist Oestreicher hatte das Kreuz aus der Kathedrale von Coventry vor 20 Jahren nach Potsdam gebracht und bereut dies aktuell. Sein persönlicher Zwiespalt ist in jeder seiner Zeilen spürbar. Einerseits schreibt er zu Eröffnung der Kapelle ein Grußwort, gleichzeitig gibt er gegenüber den Kritikern des Wiederaufbaus eine Erklärung ab. Beide Briefe liegen uns vor.

    *

    Anlässlich der Kapelleneinweihung und der facettenreichen Gegenveranstaltung am Ostermontag hatte der Religionswissenschaftler Horst Junginger berichtet, Oestreicher wolle nicht, dass das Nagelkreuz auf dem Feldaltar stehe. Der alternative Lernort Garnisonkirche hatten die Geschichte des als „Blutaltar“ bezeichneten und als Feldaltar genutzten barocken Altartisches zuvor erläutert. An und mit dem Altar wurden unter anderem preußische Militärfahnen geweiht und Soldaten in den Krieg geschickt. Mehr dazu in der Broschüre „Schwarzbuch Garnisonkirche Potsdam“ (https://lernort-garnisonkirche.de/wp-content/uploads/2024/03/Gk_Broschuere_web_2.pdf).

    Paul Oestreicher nahm diese Informationen zum Anlass, erneut die Arbeit der „Garnisonkirche“ zu kritisieren. Das Konzept einer Friedenskirche sei gescheitert. Aber genau darauf baut das ganze Getue der Protagonisten der Stiftung Garnisonkirche auf. Sie als Überbringer der Versöhnungsbotschaft. Und dies Mitten im Herzen der alten Militärstadt. Umgegeben von den (neuen) Mauern der alte Hof- und Militärkirche. Mit den Füßen in Richtung Frieden drehen sie sich im Kreis der immer neuen Sinnsuche und Distanzierungen.  

    Vergessen bei all dem wird, dass vor vielen Jahren zugesichert wurde, dass das Nagelkreuz auch als Turmspitze zur Anwendung kommt, und nicht die goldene Wetterfahne, die aktuell hinter Gittern steht. Dort sollte sie auch bleiben, denn sie ist natürlich auch als Kriegserklärung gegen Frankreich zu verstehen. Die Debatte hatten wir schon vielfach. Das kann (will) der junge neue Pfarrer Kingreen nicht wissen. Die Stiftung hat trotz der Zusage, dass mit dem Nagelkreuz als Turmspitze, ein Bruch mit dem Original vollzogen wird, die goldener Wetterfahne fertigen lassen und wiederum deren Spendern versprochen, dass natürlich dieses „goldene Kalb“ den Turm schmücken wird. Eine der vielen Lügen und falschen Versprechen gegenüber Dritten. Kein Wunder, dass sich nun auch Paul Oestreicher hinters Licht geführt fühlt.

    *

    Diese Erkenntnis ist nicht neu. Bereits am 13.01.2015 zog sich Oestreicher enttäuscht aus der Diskussion um das Projekt Garnisonkirche zurück (https://www.tagesspiegel.de/potsdam/landeshauptstadt/abschied-mit-kritischer-bilanz-7239883.html)

    Seine kritische Bilanz zur Arbeit der Garnisonkirchenstiftung und der Fördergesellschaft lautete: Von „der Absicht, etwas völlig Neues zu gestalten“, sei in den vergangenen zehn Jahren „nur wenig zu spüren“ gewesen. Zwar gehe es nicht mehr um eine „Militärkirche“, dafür nun aber in erster Linie um eine „kulturelle städtische Restauration“, kritisiert Oestreicher: „Nur noch ganz am Rande schienen Frieden und Versöhnung im Spiel zu sein.“

    Erst durch die Projektgegner sei „frischer Wind in die Segel“ gekommen, schreibt Oestreicher: „Die Gegner haben nicht umsonst agiert.“ Die aktuelle Debatte werde zum Segen werden, „aber nur, wenn sie respektvoll geführt wird“. Er selbst habe hohen Respekt für die Gegner, ihre Vorbehalte seien berechtigt. „Wäre mein Sitz im Leben ein anderer, könnte ich wahrscheinlich, ohne mir untreu zu sein, zur Opposition gehören.“

    Nun distanziert sich Paul Oestreicher öffentlich von der Platzierung eines Nagelkreuzes auf dem Feldaltar der Garnisonkirche.

    *

    Oestreicher ist Jahrgang 1931 und Sohn eines Kinderarztes jüdischen Glaubens. 1960 erhält er die Diakons- und Priesterweihe in der Anglikanischen Kirche. Danach wird er Kaplan in einer Arbeitergemeinde im Osten Londons. 1961 gründet er von Amnesty International mit und wird in der Zeit 1975-79 Vorsitzender der britischen Sektion. In den Jahren 1985-97 ist er Domkapitular und Leiter des Internationalen Versöhnungszentrums in Coventry. Nach ihrer Zerstörung am 14.11.1940 wurde die Kathedrale nicht wieder aufgebaut. Ein Neubau ergänzt die Ruine.  Paul Oestreicher schließt sich der Nagelkreuzbewegung an und bringt 2004 eine Nachbildung des Nagelkreuzes nach Potsdam. Zehn Jahre später, am symbolträchtigen 20. Juli 2014 (Tag eines Attentates auf Hitler; ein Militärputsch) wurde der Kapelle durch den Dean of Coventry John Witcombe und den Vorsitzenden der Deutschen Nagelkreuzgemeinschaft Oliver Schuegraf unter Mitwirkung von Paul Oestreicher und Nikolaus Schneider (EKD-Ratsvorsitzender) der Name Nagelkreuzkapelle verliehen.“

    Oestreicher erhält mehrere Ehrendoktorwürden, ist seit 1995 Ehrenbürger Meiningens, bekam das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse und wurde 2022 von der englischen Königin zum Officer of the Order of the British Empire ernannt.

    *

    Wir dokumentieren nachstehend die Erklärung von Paul Oestreicher, die er in Bezug auf die Nagelkreuzkapelle in Potsdam abgegeben hat.

    Gleichzeitig danken wir Paul Oestreicher für sein Ringen und seine Offenheit, sowie seinem Bekenntnis von 2015, der Opposition des Wiederaufbauprojektes anzugehören (s.oben).

    „DIE P0TSDAMER NAGELKREUZKAPELLE

    EINE PERSÖNLICHE GEWISSENSENTSCHEIDUNG am 2. April 2024

    Nach langem innerlichen Ringen hat mein christlicher Pazifismus über meine Kompromissbereitschaft gesiegt, über die Bereitschaft, versöhnend mit denen zusammen zu arbeiten, die zwar friedensorientiert sind, aber die Worte Frieden schaffen ohne Waffen sich nicht zu eigen gemacht haben. Im langjährigen Konflikt um die Potsdamer Garnisonkirche stand ich als Überbringer des Nagelkreuzes der Kathedrale von Coventry immer zwischen den Fronten. Das Nagelkreuz, Symbol der Versöhnung, hätte die Gegner:innen und die Befürworter:innen des Wiederaufbaus der Garnisonkirche an einen Tisch bringen sollen. Das ist leider nicht geschehen.

    Nach dem Zweiten Weltkrieg gab sich die noch zum Teil bestehende alte Kirchengemeinde den Namen Heilig Kreuz Gemeinde. Dann, nach dem Ende der DDR, ging man meines Erachtens leider auf den Namen Garnisonkirche zurück, wo sich nun im wiederaufgebauten Turm die Nagelkreuzkapelle befindet. Auf dem Altar der nun feierlich gewidmeten Kapelle steht das Nagelkreuz, aber auf was für einem Altar? Der alte Feldaltar, an dem die Truppen des Kaisers und des Führers den Segen Gottes erhielten, bevor sie während den zwei Weltkriegen in die Schlacht zogen. Das zu bejahen, hat meine Kompromissbereitschaft überfordert.

    Es ist meine persönliche Gewissensentscheidung, mich mit den Militärdienstverweigern – vor allem in der ehemaligen DDR – Schulter an Schulter zu stellen. Schon als junger Mensch in meiner neuseeländischen Heimat war ich Militärdiernstverweigerer, schrieb daher als Masters-Dissertation die Geschichte der Verweigerer Neuseelands im Zweiten Weltkrieg. Mein Vorbild: der seelig gesprochene Franz Jägerstätter, der als frommer Christ zum Dienst in Hitlers Wehrmacht Nein sagte und deswegen im Zuchthaus Brandenburg enthauptet wurde. Ihm und seinesgleichen schulde ich meine Treue.

    Beide Seelsorger an der Potsdamer Nagelkreuzgemeinde, erst Cornelia Radeke-Ernst und jetzt Jan Kingreen, Friedensbeauftragter der Landeskirche, hatten und haben für ihre Friedensarbeit nach wie vor meine Achtung und Unterstützung. Ihr Tun des Guten stelle ich nicht in Frage. Meine Entscheidung soll ihr Wirken in keiner Weise belasten.

    Das Nagelkreuz Coventrys wird in Potsdam bleiben als Teil der von Oliver Schuegraf geleiteten deutschen Nagelkreuzgemeinschaft, die ich einst im neuvereinten Deutschland ins Leben rief. Die Leitung der Kathedrale wird dahinter stehen, unbelastet von meiner persönlichen Entscheidung. Die Fähigkeit, mit menschlichen Widersprüchen zu leben, gehört unweigerlich zur Nachfolge Christi. Gottlob bleibt die letzte Wahrheit in der Obhut des Heiligen Geistes.“

    Wir dokumentieren nachstehend den Entwurf des Grußwortes von Paul Oestreicher, welches er anlässlich der Weihe der Nagelkreuzkapelle am Ostermontag geschrieben hat. Der Text wurde den ca. 100 Teilnehmer:innen des Gottesdienstes auch ausgereicht. Verlesen wurde das Grußwort nicht.

    „WEIHE DER NAGELKREUZKAPELLE IN POTSDAM, Ostern 2024

    LIEBE FESTGEMEINDE

    Dieses Grußwort erinnert mich an DDR-Zeiten, als ich und Theologen aus dem Westen nicht predigen durften. Grußworte waren jedoch erlaubt. Das wurde zu einem nützlichen Weg, die Zensur zu unterwandern und das Notwendige zu sagen.

    Heute im Auftrag der Kathedrale von Coventry sprechend, muss ich an den Ursprung des Nagelkreuzes erinnern. Drei Nägel aus der Ruine der von der Luftwaffe zerstörten Kathedrale, zum Kreuz geschmiedet, wurden zum Symbol der Vergebung und der Versöhnung. Am Weihnachtstag 1940, erst sechs Wochen nach dem Luftangriff, erklärte Domprobst Howard aus der Ruine, entgegen der Volksmeinung: „Wir Christen sagen Nein zur Vergeltung, und Ja zur Vergebung. Nach diesem Krieg wollen wir gemeinsam mit unseren heutigen Feinden eine freundlichere, christlichere Welt bauen.“ Diese Worte bilden die Grundlage dieser Nagelkreuzkapelle.

    Ich brachte das Nagelkreuz nach Potsdam und sorgte dafür, dass bei meiner Predigt sowohl die Befürworter als auch die Gegner des Wiederaufbaus dabei waren. Ich zögerte nicht, den langen Streit, der folgte, kritisch zu begleiten. Auf beiden Seiten hatte ich enge Freunde und Freundinnen.

    Heute bin ich dankbar, dass wir so weit gekommen sind, dass der Konflikt aus meiner Sicht sinnlos geworden ist. Sinnlos war er zuvor aber nicht. Mit Hilfe der Stadt Potsdam und ganz besonders unseres Freundes Manfred Stolpe kommt es nun zu einem sinnvollen Kompromiss, dem Versöhnung folgen müsste. Der Wiederaufbau des Turmes und damit dieser Kapelle als Zentrale der Friedensverpflichtung der Landeskirche ist eine zweifache Antwort auf die Vergangenheit, einmal eine Antwort auf den Terror des Luftkriegs im Zweiten Weltkrieg und zugleich eine Antwort auf den Hass Walter Ulbrichts auf den christlichen Glauben. Andererseits ist der Beschluss, die gesamte alte Garnisonkirche nicht wieder entstehen zu lassen eine doppelte Antwort: auf den Militarismus allgemein und auf den damals vermeintlichen Sieg Adolf Hitlers. Beide Seiten im Streit um die Garnisonkirche haben sowohl verloren als auch gewonnen. Die Schirmherrschaft des Bundespräsidenten und die Mittel aus der öffentlichen Hand geben diesem Unternehmen eine Bedeutung für ganz Deutschland.

    Die Aufgabe, dem Frieden zu dienen, ist dringender als je. Die von Probst Howard ersehnte freundlichere Welt liegt noch in weiter Ferne. Wir Christen sind uns noch nicht einmal darüber einig, was dem Frieden dient. Genau das sagte Jesus der heiligen Stadt Jerusalem. Wir sind uns nicht einmal darüber einig, ob die Ungerechtigkeiten unserer Welt durch Waffengewalt und im äußersten Fall durch Atomwaffen besiegt werden können. Wir Christen sind aus der Sicht von anderen nicht unbedingt die Heilsbringenden.

    Möge das, was diese Kapelle darstellt, mögen wir gemeinsam mit vielen anderen aktiv und demütig bleiben auf der Suche nach einem glaubhaften, guten Weg zum Frieden. Wenigstens das schulden Christen unserem Land, Europa und der Welt.“

    An dieser Stelle danken wir dem Pazifisten Paul Oestreicher für sein jahrzehntelanges Engagement, auch wenn wir seine Aussagen nicht immer teilen. Aber gerade in Zeiten, in denen deutsche Minister Kriegstüchtigkeit fordern und neue Waffenfabriken einweihen, sind Besinnung auf menschliche Werte und Reflektion des eigenen Handels besonders wichtig.

    Besinnung täte Vielen gut. Auch denen, die meinen, wir müssen die Orte der Täter und des Schreckens wieder aufbauen, um Geschichte erklären zu können. Es gibt genügend real existierende Anknüpfungspunkte für die geschichtliche Aufarbeitung. Auch in dieser Stadt. Es gibt meist nicht den Willen dazu. Das Wort Versöhnung wird noch viel zu oft als Pseudonym für Verdrängung benutzt. Die Online-Ausstellung der Stiftung Garnisonkirche ist ein solches Beispiel (s. http://dev.potsdam-stadtfueralle.de/2023/12/06/sehnsuchtsort-garnisonkirche/). Ebenso dienen Nachbauten meist nicht des Neuanfangs, sondern der Verklärung des Gestern.

    Echte Neuanfänge brauchen keine historisierenden Fassaden und Christen brauchen keine Garnisonkirche! Und die Stadt Potsdam braucht auch keinen aufsteigenden schwarzen Preußen-Adler als „Stadtkrone“.

    Carsten Linke, Verein zur Förderung antimilitaristischer Traditionen in der Stadt Potsdam e.V.

    P.S. Ein Freund wies mich darauf hin, dass es ein fatales Zeichen gegenüber Coventry ist, wenn die Garnisonkirche oder ihr Turm wieder aufgebaut wird. In der Konsequenz würde der Wiederaufbau der GK die deutsche Niederlage nachträglich in einen Sieg verwandeln: Unsere neue „Friedensgarnisonkirche“ steht, die alte Kathedrale in Coventry ist dagegen zerstört. Die Opfer von damals erhalten die Ruine als Mahnmal (und wagen mit dem Neubau einer Kathedrale einen Neuanfang) während die Täter die Vergangenheit mit Rekonstruktionen reproduzieren und dies als Akt von nationaler Bedeutung bezeichnen.

  • Für ein Potsdam ohne Garnisonkirche 2

    Am Ostermontag haben mehr als 300 Menschen gegen die erste Eröffnungsfeier in der Turmkopie der Garnisonkirche protestiert. Ausgerechnet den Ostermontag, den Tag der Auferstehung hat sich die Stiftung ausgesucht, um die kleine Kapelle im Turmstumpf in Betrieb zu nehmen. Viele fragten sich „Was soll hier wieder auferstehen?“ Die alte Garnisonkirche kann es ja nicht sein, den von deren Geschichte will sich die Stiftung Garnisonkirche angeblich distanzieren. Auch von der Symbolik dieses geschichtlichen Ballastes von nationaler Tragweite. Auch von den rechten Initiatoren des Wiederaufbaus will niemand mehr etwas seitens der neuen Hausherren wissen. Was soll nun auferstehen: der Ungeist von Potsdam? Der Geist der Kirche der immer ein militärischer war, immer einer der Mächtigen. Der Geist der nie demokratisch war. Der Krieg und Verderben für viele Teile Europas brachte. Ein kolonialer Geist mit Völkermorden in Afrika und Unterdrückung in China. Die Liste der Opfer dieses Geistes von Potsdam ist lang.

    Die Demonstrationsformen der Wiederaufbaugegner:innen waren am Ostermontag vielfältig: Musik, Lesungen, Reden, Jesus als Ehrengast, Performances und ein Geschichtspfad.

    Dieser Geschichtspfad zeigte auf mehr als 130 Tafeln diesen Ungeist vor den Toren der Turmkapelle auf. Ein kleiner Auszug von Nutzungen der deutlich machte, das die Garnisonkirche nie von Dritten missbraucht wurde, sondern immer nur von ihren Hausherren, der Stadtpolitik und vor allem den Predigern der Hof- und Garnionkirche. Sie haben den christlichen Glauben für ihre Kriegsrhetorik missbraucht. Der Tag von Potsdam war nur die Spitze des Eisbergs und die logische Konsequenz aus der jahrzehntelangen Nutzung dieses Wallfahrtsortes für Militaristen, Monarchisten, Rechtskonservative, Ewiggestrige, Antidemokraten und die Faschisten zahlreicher politischer Organisationen.

    Mehr zur Geschichte und Nutzung des unchristlichen Ortes ist in dieser Broschüre zu erfahren:

    Buchvorstellung: „Das Widerstandsprojekt Garnisonkirche – Eine Chronik" – Potsdam – Stadt für alle (dev.potsdam-stadtfueralle.de/)

    Zwei Redebeiträge vom Ostermontag haben wir bereits dokumentiert (Für ein Potsdam ohne Garnisonkirche – Potsdam – Stadt für alle (dev.potsdam-stadtfueralle.de/)

    Heute dokumentieren wir den Beitrag von Gerd Bauz, von der Martin-Niemöller-Stiftung. Diese Stiftung ist ein langjähriger Kooperationspartner des hiesigen Widerstandes.

    Darüber hinaus dokumentieren wir auch einen Brief des alternativen Lernortes Garnisonkirche an den neuen Pfarrer der Turmkapelle, Herrn Kingreen. Wenn die Stiftung sich selbst ernst nimmt und ihren vielen Ankündigungen von Dialogbereitschaft auch Taten folgen lässt, dann dürfte die Annahme des Gesprächsangebot seitens des Lernortes kein Problem darstellen.

    Hier der Redebeitrag von Gerd Bauz:

    Kein Gottesdienst am Blutaltar

    Der christliche Altar hat die archaischen Schlachtopferaltäre überwunden. Er erinnert an das letzte Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern, er ist der Tisch des Herrn. Er bildet das örtliche Zentrum der Liturgie. Der Altar ist der Mittelpunkt einer Kirche und bezeugt die Anwesenheit Gottes. Der Altar der Garnisonkirche Potsdam hat von Anfang an die Abwesenheit Gottes bezeugt. Die Abwesenheit Jesu. Der Altar war gerahmt von den römischen Kriegsgottheiten Mars und Bellona, ein in der zweitausendjährigen Geschichte der Christenheit einmaliger Frevel.

    Bereits der Erbauer der Kirche ließ diese Figuren dort programmatisch aufstellen, der Soldatenkönig, dessen Haushalt zu 90 Prozent Kriegshaushalt war. So ausgestattet legte sein, von ihm gedemütigter, Sohn los mit dem Überfall auf Schlesien, den drei Schlesischen Kriegen, der Annexion Schlesiens und so weiter. Er wurde ‚der Große‘ genannt. Und so ging es weiter und weiter mit seinen Hohenzollern-Nachfolgern bis zu Wilhelm II, … und dann bis hin zu dem Nach-Nachfolger nach Auschwitz und Stalingrad, eine zunächst zehntausendfache, hundertausendfache, dann millionenfache Blutspur; immer wieder wurde am Blutaltar gestartet und religiös zugerüstet, seit 1800 genau an diesem, der nebenan steht.

    Das ehemalige Mitglied der Landessynode der Ev. Nordkirche und Vizepräsidentin ihres Kirchenkreises, Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der Forschungsstelle Weimarer Republik, Autorin des Standardwerks „Die überforderte Republik“, die Historikerin Prof. Dr. Ursula Büttner stellte im Nationaltheater in Weimar anlässlich des hundertsten Jubiläums der ersten deutschen Demokratie die Frage: „Wie kann man nur auf die Idee kommen, dieses Bauwerk wieder errichten zu wollen, wenn man die Geschichte der Weimarer Republik kennt?“

    Wie kann jemand nur an diesem Gegenstand noch Gottesdienst feiern wollen, wenn man die ganze Geschichte hinzunimmt? Wie mag man dieses Identifikations-Objekt des alten und des neuen Nationalismus und Militarismus einfach nutzen wollen – als wäre nichts? Gedankenlosigkeit, Dreistigkeit, Ignoranz, Gefühllosigkeit, Blasphemie, Sympathie, Sturheit, … Entwidmet gehört dieses Trumm, überreif fürs Museum, wo seine Altardecke schon wartet.

    Wenn das Militärmöbel in knapp zwei Stunden als Altar – warum eigentlich erneut? – geweiht wird: Was geschieht da? Für welche Wirklichkeit und für welche Wahrheit entscheidet man sich? Was will man setzen und sagen, was übergehen und verschweigen? Auf den Blutaltar wird ein Nagelkreuz gestellt sein. Der Pfarrer, der an ihm Dienst tun wird, sagt dazu: „Das Nagelkreuz ist das weltweite Symbol dafür, dass Versöhnung funktionieren kann.“ Weiter kann man vom christlichen Verständnis der Versöhnung nicht entfernt sein. Versöhnung ‚funktioniert‘ nicht, Versöhnung geschieht. Versöhnung ist eine Gnade. Nicht dass man nach Versöhnung nicht streben und sich bemühen könnte – und sich bemühen muss, damit sie sich einstellen könne. An diesem singulären Ort deutscher Täterschaft, wären anerkennen, benennen und bekennen die Bedingungen der Möglichkeit von Versöhnung. Wie also kann der Blutaltar den Mittelpunkt eines Raumes bilden, der der Versöhnung gewidmet sein soll? Was sagt die weltweite Nagelkreuzbewegung dazu?

    Und: Wie laufen nebenan die Verantwortlichkeiten, wenn der Staat zahlt, eine Stiftung bestimmt, die Kirche segnet, eine Synode nicht debattiert und der Bischof, an der Spitze zugleich von Stiftung und Kirche, zulässt – was nicht passiert: Eine wahrheitsorientierte und wahrhaftige Auseinandersetzung mit dem historischen Ort der ehemaligen Garnisonkirche in Potsdam; wenn also unsere Republik dieses Vorganges fortgesetzt enteignet wird?

    Ganz herzlich danke ich dem Wissenschaftlichen Beirat des Lernort Garnisonkirche für das Hervorragende an Aufklärung, das hier im Rechenzentrum, aus der Opposition heraus geleistet wird!

    Hier der Brief des Lernortes an Pfarrer Kingreen; Anlass ist der Feld- bzw. Blutaltar, der nun wieder in der Kapelle des Turmes steht.

  • Sehnsuchtsort Garnisonkirche

    Was uns alle erwartet, wenn der nachgebaute Turm der Garnisonkirche 2024 seine Pforten öffnet ist erschreckend. Ein Blick in die Online-Ausstellung der Stiftung Garnisonkirche lässt Zweifel an deren Aufarbeitungswillen hinsichtlich der deutschen Geschichte und am Versöhnungswillen bestehen.

    Eine Bestandsaufnahme von Carsten Linke.

    Aktuell wirbt die Stiftung damit, dass sie die Leistung zur Turmspitze ausgeschrieben hat. Ausreichend Geld hat sie für deren Umsetzung nicht. Wenn sie es hätte, würde sie damit protzen. So aber wartet sie ab, ob überhaupt Angebote eingehen und was sie kosten sollen.  Witzig, dass sogar schon ein Datum kursiert, wann die Turmspitze aufgesetzt werden soll: der 16.Juli 2025. Warum dies am Geburtstag von Sarah Wagenknecht erfolgen soll, erschließt sich nicht gleich. Doch wer die Stiftung kennt weiß, dass sie gern den 20.Juli mit fertiger Optik huldigen will. Es ist ein Mythos, der gepflegt werden soll, nämlich dass der „adlige“ Putschversuch vom 20. Juli 1944 gegen Hitler etwas mit dem Besuch der Garnisonkirche zu tun hat.

    Wir nehmen gern Wetten an, dass auch dieses Datum nicht gehalten wird. Immerhin sollte der Turm ja schon zum 31. Oktober 2017 stehen. Finanziert aus Spenden! Münchhausen lässt grüßen.

    Vor einhundert Jahren, von 1925 bis 1930 wurden umfängliche Reparaturarbeiten am Turm vorgenommen. 800.000 Reichsmark soll dies den Preußischen Staat gekostet haben. „In Rücksicht auf die hohe geschichtliche Bedeutung dieser Schöpfung Friedrich Wilhelms I. und der Ruhestätte Friedrich des Großen (kann das) als heilige nationale Pflicht bezeichnet werden.“ So die Begründung. Längst liegt Friedrich der Große nicht mehr in der Gruft und längst gestehen Befürworterinnen und GegnerInnen des Wiederaufbauprojektes ein, dass die Garnisonkirche ein „zentraler Erinnerungsort für den preußischen Militarismus“ ist.

    siehe Bild Staatskirche

    Doch nun zur Ausstellung und deren verqueren Ansichten und Behauptungen. Im Infoteil „Pilgerstätte“ wird darauf eingegangen, dass die Garnisonkirche in den 1930er Jahren zu einem Besuchermagnet wurde. Speziell bei den Nationalkonservativen und Faschisten. „Die Besucherzahl hatte sich von 1933 bis 1939 mehr als verdoppelt.“ 1926 strömten lediglich „50.000 Besucher“ in die Gruft/Kirche.  Die Stiftung Garnisonkirche rechnet hundert Jahre später mit 80.000 BesucherInnen im Jahr. Allerdings sollen diese 12 Euro statt 25 Pfennig zahlen. Und eine Gruft gibt es nicht. Keine Königssärge, keine Fahnen aus längst vergangenen Schlachten, lediglich eine leere Kapelle und eine voraussichtlich schlechte Ausstellung. Und natürlich eine Aussichtsplattform, die es damals nicht gab.

    „Im Jahr 1937/38 kauften mehr als 450.000 Besucher ein Ticket“. In der Online-Ausstellung heißt es u.a. dazu „Eine Ehren-Abordnung deutscher Arbeiter besichtigte in Potsdam die Königsgruft in der Garnisonkirche.“ Auf dem Bild daneben ist eine Ansammlung von unterschiedlich uniformierten Menschen zu sehen, die alle die Hakenkreuzbinde oder andere Verbandsabzeichen tragen. Fast euphorisch und wie immer kommentarlos führt der Text dazu weiter aus „Bei über 1.000 Besuchern pro Tag waren solche Schlangen vor der Grablege der Preußenkönige an der Tagesordnung.“

    Das es hierbei um eine fortgesetzte Kontinuität oder Kontinuitätssuche von Nationalismus, Faschismus und preußischen Militarismus geht, wird nicht erwähnt. Der Tag von Potsdam war kein Einzelfall. Er war nur ein Meilenstein in einer antidemokratischen Geschichte von 1918 bis 1945. Der Sehnsuchtsort Garnisonkirche hatte seine Hochzeit in der Nazizeit. Seither gilt er als rechter Kult- und Erinnerungsort. Die Gefahr, diese Kontinuität ins 21. Jh zu transportieren, besteht angesichts des rechten WählerInnenpotentials und des Rechtsrucks in der Gesellschaft weiterhin.

    Siehe Bild Pilgerstätte 1

    Selbst der Besuch des italienischen Faschisten Benito Mussolini am 28. Sept.1937 wird hier als Promibesuch dargestellt. „Duce“ war auch da! Muss ja ein toller Ort sein. Fehlt nur noch das Selfi. „Meist sollte der Ausflug nach Potsdam als ein politisches Zeichen die engen Beziehungen zu den verbündeten Staaten bekräftigen.“  Das dieses politische Zeichen ein Faschismus-Pakt war, wird nicht erwähnt. Auch nicht, dass auch der Generalstabschef der faschistischen Miliz Italiens, Fasci di Combattimento und General Russo sowie SA-Führer Viktor Lutze sich im Juli 1938 dort trafen. Auch nicht der Besuch des japanischen Außenministers Matsuoka in der Garnisonkirche 1941.

    Siehe Bild Pilgerstätte 2

    Der Besuch des überzeugten Antisemiten und des Mitgliedes des Ministerrates für die Reichsverteidigung, Rudolf Hess, wird hingegen dargestellt. Nicht ohne Hintergedanken. Anlass des Besuches war der 150. Todestages des Alten Fritz. Die Stiftung meint „Der monarchistisch-konservative Charakter der ehemaligen Residenzstadt machte Potsdam aber eher zu einer ambivalenten Bühne für propagandistische Inszenierungen des NS-Regimes, die in anderen Städten wirkungsvoller zur Entfaltung kamen.“ Das schöne unschuldige Potsdam wurde also wieder einmal missbraucht. Und in anderen Städten war die NS-Inszenierung angeblich wirkungsvoller. Beispiele oder Fakten werden keine genannt. Das ist nicht nur ein Widerspruch zu den vorher hervorgehobenen Besucherzahlen in der Nazizeit, sondern auch zur Selbstinszenierung der Stadt, als Geburtsstätte des Dritten Reiches. Nicht „dennoch“ wurde „Potsdam in den folgenden Jahren mit mehreren nationalsozialistischen Institutionen bedacht“, sondern darum. Es gab eine jahrzehntelange Symbiose aus Nationalkonservatismus, Königstreue und Faschismus in Potsdam. Nicht allein durch die NSDAP, sondern auch die DNVP, durch die vielen anderen Organisationen (z.B. Stahlhelm; Luisenbund…). Und dies alles nicht erst nach dem Tag von Potsdam.

    Siehe Bild Pilgerstätte 3

    Die Online-Ausstellung der Stiftung Garnisonkirche für die Zeit 1918 – 1945 disqualifiziert die Stiftung als seriöse Partnerin der Geschichtsaufarbeitung. Die Stifterinnen, die Stadt Potsdam und die evangelische Landeskirche (EKBO) sollten endlich korrigierend eingreifen. Ansonsten wird auch der reale Ausstellungsteil ein Propaganda-Desaster und ein Akt der Geschichtsrevision.

  • Die EKBO und das Geld

    Vom 22.-25.11.2023 trifft sich die 5. Synode der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (kurz EKBO) zu ihrer 7. Sitzung in der aktuellen Legislatur. Das 108-köpfige Gremium vertritt rund 833.000 Gemeindemitglieder in 25 Kirchenkreisen und 1096 Gemeinden. Auf das Land Brandenburg entfallen davon 14 Kirchenkreise mit ca. 300.000 evangelische Christen. Das sind nicht mal 12 Prozent der Landesbevölkerung. Und trotzdem ist es die größte Glaubensgemeinschaft des Landes.

    Am 22.11.2023 findet im Rahmen der 7. Tagung der Eröffnungsgottesdienst in der Nikolaikirche Potsdam statt. Die anderen Tage geht es nach Berlin-Friedrichshain. Es scheint eine ziemlich dröge Veranstaltung zu werden, wenn man die Tagesordnung liest: TOP 8 „Doppelhaushalt 2024/2025“, TOP 13.3 „Vorlage der Kirchenleitung bezgl. Kirchengesetz zur Änderung des Kirchengemeindestrukturgesetzes und des Mindestmitgliederzahlgesetzes“.

    Aber irgendwie passt es zu den Schlagzeilen der letzten Tage und Wochen. Den Kirchen rennen die Schäfchen davon. Besonders stark ist der Schwund mit 3,4 Prozent zum Vorjahr bei der EKBO.

    Gleichzeitig drohen vielerorts die Dorfkirchen nicht nur leer zustehen, sondern auch zu zerfallen. In Fahrland fallen Ziegel vom Dach der Kirche, in Satzkorn drückt der Dachstuhl die Mauern der Kirche auseinander. In der Dorfkirche von Grüneberg (Oberhavel) waren vor Wochen Teile der Decke eingestürzt. Der vordere Bereich des Kirchenschiffes mit dem Altarraum war unter Trümmern begraben. Gottes Wege sind unergründlich, und die Gotteshäuser von Sanierungsrückstau geprägt.

    Im Bereich der Landeskirche gibt es mehr als 1.900 Kirchen und Kapellen, von denen rund 1.600 unter Denkmalschutz stehen. Der Staat gibt viele Millionen Euro jährlich dazu, um die Dorfkirchen zu sanieren und zu erhalten. Eine Mammutaufgabe. In den 14 Kirchenkreisen Brandenburgs gibt es rund 1650 Dorfkirchen. Laut Kirchbauamt kann nur eine Kirche in jedem Kirchenkreis pro Jahr saniert werden.

    Woher sollen die 1,3 Millionen Euro für die Kirchen in Fahrland und Satzkorn kommen? Die Gemeinde, die aus rund 1000 evangelischen Christen zwischen Neu Fahrland bis nach Neu Falkenrehde (Ketzin) besteht, wird das Geld nicht aufbringen können. Dies ist nur ein Beispiel für den Zustand der Häuser, die laut EKBO-Webseite „Zeugnisse des Glaubens (sind). Sie verbinden Himmel und Erde, in ihnen begegnen sich Gott und Welt.“ 

    Um so erstaunlicher ist es, dass die gleiche EKBO das Wiederaufbauprojekt Garnisonkirche in Potsdam so massiv finanziell unterstützt (die EKBO und die Stadt Potsdam sind die Stifter der Stiftung Garnisonkirche). Erst gab die EKBO den Kredit an diese Stiftung über 3,25 Mio. €, der bis heute nicht zurückgezahlt ist und wahrscheinlich auch nie zurückgezahlt wird. Und aktuell gibt sie den Millionenzuschuss für den Weiterbestand der Stiftung (500.000 € pro Jahr plus Finanzierung der halben Pfarrstelle). Mit den Zuschüssen, die die Stiftung Garnisonkirche von der EKBO bekommt, könnten jährlich ein oder zwei Kirchen saniert werden. Auch die in den Potsdamer Ortsteilen. Die bei genauer Betrachtung einen viel höheren Stellenwert für die Menschen dieser Stadt und für das Miteinander haben, als das „seelenlose“ königlich-militärische Machtsymbol vergangener Zeiten.

    Wie lange soll das so weiter gehen? Eine „Profilgemeinde“ die anderen, echten Gemeinden das Geld aus dem Kirchsäckel saugt. Und dies nur fürs Prestige? Für Stop-&-Go-Seelsorge der Stadtbild-PilgerInnen? Die evangelische Kirche als Tourismus- und Event-Managerin? Ist ein barock verzierter Aussichtsturm im Touri-Mekka Potsdam wichtiger als das Gemeindeleben in den vielen kleinen Orten, die das Land Brandenburg prägen?  

    Jahrelang wurde darüber nur unter vorgehaltener Hand in der Landeskirche geflüstert. Das „Huber-Imperium“ war gut vernetzt und sorgte vielfach für Abhängigkeiten und Stimmenmehrheiten. Doch aktuell ist die Not an allen Ecken der EKBO so groß, dass sich etwas ändern muss. Mehr Schäfchen oder Seelen werden es nicht. Ganz im Gegenteil. Die Altersstruktur der Gemeindemitglieder lässt steigende Minderungsraten erwarten. Der Bauzustand der denkmalgeschützten Kirchen wird auch nicht besser.

    Fazit:

    Ein synodales Treffen ist eine gute Gelegenheit mal Klartext zu sprechen und die Rücksichtnahme auf das Prestige-Projekt des Ex-Bischoffs Huber zu überdenken. Da wo es echte Gemeinden gibt, sollte es auch intakte Gotteshäuser geben. Die Verantwortung dafür liegt allein bei der EKBO und ihrer Synodalen.

    Christian E.

  • Halbwahrheiten und Wunschdenken

    Nicht nur im Krieg ist die Wahrheit das erste Opfer. Auch beim beabsichtigten Wiederaufbau der Garnisonkirche war sie frühzeitig abhanden gekommen. Zwei Beispiele: Nur mit Spendengeldern sollte das Projekt errichtet werden, war einer der vielen falschen Aussagen. 2017 zum Reformationsjahr ist Einweihung. Am Ende hat den Bau der Turmkopie mehrheitlich der Staat bezahlt, Spenden machen nur einen Bruchteil aus. Und 2017 war lediglich der Baubeginn. Das Ende ist noch nicht absehbar. Von nachfolgenden Generationen ist manchmal die Rede.

    Vor wenigen Tagen wurde eine Tafel an der Turmkopie angebracht. Auf ihr steht entgegen der Wahrheit: „Friedrich Wilhelm König in Preussen hat diesen Thurm nebst der Garnison Kirche zur Ehre Gottes erbauen lassen“, daneben steht: „anno 1735“. Beides entspricht nicht der Wahrheit. Bauherrin der Turmkopie ist die Stiftung Garnisonkirche. Gebaut 2017 bis 2025?

    Dass der neue Turm dem barocken Original ähnlichsieht, steht außer Frage. Ähnlich klobig und größenwahnsinnig, umbaute Leere. Seine Raumstruktur ist aber eine völlig andere. Und seine Funktion soll es auch sein. Auch wenn immer wieder darüber diskutiert wird, ob nicht doch eine (teil-)militärische Nutzung, zum bspw. Opfergedenken für im Ausland gefallene Soldat*innen, stattfinden könnte. „Richte unsere Füße auf den Weg des Friedens“. Die in Stein gemeißelte Botschaft des Lukas-Evangelium, Kapitel 1, Vers 79 soll den Bruch mit der Geschichte verdeutlichen. Soll das ein Eingeständnis sein, dass die ursprüngliche Kirche eine militärische, kriegerische und somit unfriedliche, also Gott missachtende Rolle hatte? Wozu dann die Tafel, dass die Hütte zu Ehren Gottes gebaut wurde? Zu Ehren welches Kriegsgottes?

    Ungeachtet dieses Gedankengangs steht die Frage: Wollen sich Huber, Vogel, Eschenburg und Co; also die heutigen Erbauer mit der Tafel dem Preußen-König gleichsetzen? Ist das Amtsanmaßung, Größenwahn oder Realitätsverlust? Zumindest ist es eine Fake-Botschaft, die nun die Turmkopie „schmückt“. Gleichzeitig täuscht es vor, der Turm sei ein historisches Gebäude. Damit entwertet die Stiftung die echten Denkmale dieser Stadt. Nur eine kommentierte Tafel, mit dem Hinweis, dass das ursprüngliche Gebäude durch den Soldatenkönig errichtet wurde, hätte der Realität Rechnung getragen.

    Die Halb- und Unwahrheiten nehmen kein Ende. Neuste Botschaft: Der Turmbetrieb soll bald aufgenommen werden und kostendeckend sein. Ein Witz oder eine erneute Fehleinschätzung?

    „Mit einem minimalen Personalaufwand geht die Kalkulation derzeit auf“, versicherte Eschenburg der PNN.

    Nach aktuellen Aussagen der Stiftung (siehe https://www.tagesspiegel.de/potsdam/landeshauptstadt/zwolf-euro-eintritt-potsdams-garnisonkirchturm-soll-im-april-fertigwerden–haube-bis-herbst-2025-10652863.html) soll der Eintrittspreis für Turm und Ausstellung 12,- Euro betragen. Für Gruppen sowie Schüler sind Ermäßigungen geplant. Das bedeutet in einer Mischkalkulation 10,- pro Besucher*in. Bei 80.000 Menschen pro Jahr macht dies 800.000 Euro Einnahmen. Etwas mehr als noch vor zwei Jahren veranschlagt (5 €/Nase). Den Einnahmen stehen aber Kosten von 1,3 bis 1,5 Mio. € gegenüber (z.B. Personalkosten, Lernort-/Ausstellungskosten, Gebäudebetrieb, speziell die Aufzüge, technische Wartung …). Diese Einschätzung basiert auf Auskünften diverser Museen und touristischen Einrichtungen. Leider legt die Stiftung zum Turmbetrieb und ihrer Behauptung keine Zahlen vor. Leider druckt der Tagesspiegel die Aussagen zur Kalkulation auch unkontrolliert und unkommentiert ab.

    Auch die Aussage der Stiftungssprecherin Beatrix Fricke zur Eintrittspreisbildung ist irreführend: „Zudem müsse man bedenken, dass der Betrieb nicht subventioniert werde.“ Ohne Subventionen durch die Landeskirche (aktuell 500.000 Euro/Jahr) hätte die Stiftung schon längst dicht machen müssen und könnte nicht mal den Turmbetrieb aufnehmen. Nur mit weiteren Zuschüssen der EKBO kann die Kalkulation zum Turmbetrieb unserer Einschätzung nach, nicht mal annähernd „kostendeckend“ sein. Dies geht zu Lasten anderer Kirchen im Land.

    Interessant ist auch, dass die Stiftung nun schon viele Monate äußert, dass die Ausschreibung für die Turmhaube in Vorbereitung ist, aber diese nicht beginnt. Kosten für das Projekt Turmhaube kann oder will sie auch nicht benennen. Für ein öffentlich gefördertes Bauvorhaben ist dies weder transparent noch versöhnlich.

    Mehr zum Thema Bau- und Betriebskosten im Recherchebericht http://dev.potsdam-stadtfueralle.de/2022/02/22/millionengrab-garnisonkirche-stiftung-mit-rechenschwaeche-turmbetrieb-defizitaer/

    Hier noch eine kleine Rechenhilfe:

    Die Stiftung Garnisonkirche rechnet mit 80.000 Besucher*innen im Jahr, um den Betrieb des Turmes zu finanzieren. Etwa 225 Besucher pro Tag (bei 360 Tagen), Frühling/Sommer eher 400, Herbst/Winter eher 100. Jeden Tag 225 Menschen. Gehen wir von einer Lastverteilung innerhalb des Tages aus, sind dies in Spitzenzeiten 50 Personen. Laut Zulassung dürfen aber nur 40 Personen gleichzeitig im Turmschaft sein. Es müssten als Zeitfenstertickets verkauft werden, die wiederum kontrollintensiv (also personal- oder technikintensiv) sind. Vor dem Turm müssten sich an Potsdams lautester Straße sogar kleine Besucher*innenschlangen bilden, wenn der erhofften Andrang eintreten soll. Im Jahr 2025 können nicht mal täglich 225 Menschen den Turm besuchen, da über Wochen die Turmhaube aufgesetzt wird. Wie so oft, ist Wunschdenken der Kern des Stiftungshandels und der PR-Arbeit.