Kategorie: Garnisonkirche & Rechenzentrum

Nach dem Abriss der Fachhochschule konzentriert sich die Auseinandersetzung um die Stadtmitte auf einen ganz zentralen Konflikt Potsdamer Stadtentwicklung: Bleibt das Rechenzentrum als Symbol von Kreativität, Selbstbestimmung und Widerständigkeit oder entsteht die alte Garnisonkirche als Symbol für Militarismus, Krieg und Rechtsextremismus wieder?
Unsere Autor*innen erzählen vom „Lernort Garnisonkirche“, von den vielen Aktionen der BI „Für ein Potsdam ohne Garnisonkirche“ und haben quasi nebenbei ein Geschichtsbuch darüber geschrieben, welche Epoche warum die Stadtmitte von Potsdam dominieren sollte.

  • Geschichte erinnern

    Aktuell sucht die Stiftung Garnisonkirche zum nächstmöglichen Zeitpunkt eine/n Referent*in für Presse-, Öffentlichkeitsarbeit in Teilzeit. Es gibt viel zu tun. Es gilt Erinnerungslücken aufzufüllen. „Dieser Neubeginn braucht eine professionelle Kommunikation und bietet ein reizvolles Arbeitsfeld voller Chancen.“ heißt es in der Stellenausschreibung.

    Wir werden uns nicht bewerben. Aber wir helfen gern aus. Gerade heute.

    Das zerstörte Banner mit dem Portrait einer Mutter mit ihrem Kind sowie das dazugehörige Portrait einer Frau mit Schaufel in
    der Hand hängen seit dem 16. März wieder am Gerüst des nachgebauten, halbfertigen Garnisonkirchturms. Von einer Wunde ist die Rede und davon, dass die Stiftung „allen Menschen dankbar (ist), die uns bereits bei der Fortsetzung des Kunstprojekts unterstützt haben und (wir) bitten weiterhin um Spenden, um die Kosten rund um die Reparatur zu decken.“*

    Die Stiftung Garnisonkirche war auch sehr dankbar, als am 17.November 2015 um 19 Uhr in der russischen Botschaft (Berlin, Unter den Linden) ein Benefizkonzert zugunsten der Garnisonkirche stattfand. Dazu luden das Kuratoriumsmitglied der Stiftung Garnisonkirche Potsdam Manfred Stolpe und Putins Botschafter Wladimir Grinin gemeinsam ein.

    Dies war eineinhalb Jahre nach der Krimannexion (18.März 2014; heute vor neun Jahren). Der Krieg im Donbass war schon im Gang. Während die Politik Russland mit Sanktionen belegte, bot die Evangelische Kirche dem Putin-Russland den symbolischen Handschlag an. Im Rahmen des Konzertes „Petersburger Salon“ erklangen Romanzen und Musikstücke russischer Komponisten, vorgesungen und gespielt vom Kammersänger Jochen Kowalski, Pianist Uwe Hilprecht und dem Streichquartett Vogler.

    Besonders ein Versöhnungsort muss natürlich homophoben und kriegsbegeisterten Autokraten die Tür offen halten. Hauptsache der Rubel rollt. Da die Stiftung Garnisonkirche ihre Spender:innen nicht offenlegt, besteht weiterhin der begründete Verdacht, dass auch russisches Geld im Turmbau steckt. Diese Epoche der Stiftungsarbeit kann auch kein übergroßes Banner in den ukrainischen Farben über- oder verdecken.

    Proteste gegen eine solches Bettelkonzert in Berlin gab es damals genug. Siehe auch November 2015 – Garnisonkirche Potsdam: Informationen + Aktionen + Hintergründe – für zeitgemäße, demokratische, zivilgesellschaftliche Stadtgestaltung, gegen ein Symbol von Macht-, Kriegs- und Herrschaftsromantik. (wordpress.com)

    * Pressemitteilung der Stiftung vom 16.März. 2023

    Ein Beitrag von Carsten Linke

  • Keine Machbarkeit gegeben

    Das Thema Machbarkeitsstudie scheint beendet. Zumindest seitens des Rechenzentrums gibt es keine Beteiligung mehr dafür. Politischer Anstand sollte nun zur Zurückziehung der entsprechenden Leitungsvorlage im Hauptausschuss und in der SVV führen.

    Wie kam es dazu?

    Im Dezember 2021 stellte der Oberbürgermeister Schubert, gemeinsam mit Bischoff Huber und Frau Engel sowie weiteren VertreterInnen der Stiftung Garnisonkirche und dem Rechenzentrum ein gemeinsames Konzept für ein Forum an der Plantage vor. Ende Januar 2022 wurde auf Basis dieses gemeinsamen Vorschlags ein Stadtverordnetenbeschluss zum “Forum an der Plantage” gefasst. Darin wird neben dem Turm der GK „der weitgehende oder vollständige Erhalt des Rechenzentrums“ und seine Funktion als soziokreatives Zentrum, als ein wesentliches Element des zukünftigen Forums genannt. Das bisher unbebaute Grundstück der Stiftung Garnisonkirche sollte demnach in die Verfügbarkeit der Stadt übergehen.

    Ziel sollte eine „neue Dreifaltigkeit und -einigkeit“ sein: das „Forum an der Plantage“, ein Nebeneinander von drei Nutzungen (GK-Turm, RZ und Haus der Demokratie). In jeweils eigener BetreiberInnenschaft und in drei architektonischen Zeugnissen, sollten neue Formen öffentlichen Lebens an diesem Ort geschaffen werden. Von einmaligen Chancen, unterschiedliche historische Ebenen, neuen Perspektiven war damals (vor einem Jahr) die Rede.

    Frei nach dem Motto: „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern“ legte die Stiftung Garnisonkirche (SGP) im Ergebnis ihrer Kuratoriumssitzung am Wochenende eine Pressemitteilung mit den üblichen Floskeln zur Beteiligung und vier Prämissen vor. Alles darin ist auf ein „neues“ Kirchenschiff fokussiert. Die Stiftung macht deutlich, dass die touristische Attraktivität des Turms nicht beeinträchtigt werden darf. Nicht die geschichtliche Komponente steht im Vordergrund, sondern der Aussichtturm.

    Alle vier Voraussetzungen der SGP schränken die viel gepriesene Ergebnisoffenheit wesentlich ein. Die Erfüllbarkeit dieser Voraussetzungen soll noch vor der Ausschreibung der Machbarkeitsstudie geklärt werden. Völlig verwunderlich war die Reaktion der Stadtpolitik. Die Rathauskooperation aus SPD, Grünen und Sozal.Linken fand das einen guten Ansatz. Und dies obwohl er komplett der eigenen Beschlusslage vom Januar 2022 widerspricht und die Stiftung erneut die Stadt erpresst, da die Prämissen neue Voraussetzungen für die Machbarkeitsstudie darstellen.

    Es gipfelt in der Anmaßung, dass die Idee des Forums an der Plantage als „Fortführung der Erinnerungs- und Bildungsarbeit im Turm“ interpretiert wird. Die Stadt als Erfüllungsgehilfe der Stiftung, die bisher nicht mal ein schlüssiges, dem Ort angemessenes Gedenkkonzept hat.

    Ein weiterer Vorgriff auf das Ergebnis der Machbarkeitsstudie ist die Forderung „die Kubatur des ursprünglichen Baus muss Ausgangspunkt der Überlegungen sein“. Dies widerspricht der Ergebnisoffenheit und der Intention der Machbarkeitsstudie. Diese sollte erst die möglichen Inhalte klären und dann sollte die bauliche Form dementsprechend entwickelt werden. Die Stiftung denkt wie immer nur an die Hülle, nicht an den Inhalt und die Wirkung ihres Projektes.

    Wir können nachvollziehen, dass die NutzerInnen des Kunst- und Kreativhauses Rechenzentrum deshalb in ihrer Vollversammlung am Montag zum einstimmigen Ergebnis gekommen sind, dass es keinen Sinn macht, an einer Machbarkeitsstudie mitzuwirken.

    Und all die Stadtverordneten, die das RZ (teil-)erhalten wollen, sollten den B-Plan ändern. Das geht ganz ohne Zustimmung der Stiftung Garnisonkirche.

    Hier die PM des Rechenzentrums:

  • Stadt soll Kirchenschiff bauen und RZ abreißen

    Das ist das „übersetzte“ Ergebnis der Kuratoriumssitzung der Stiftung Garnisonkirche vom 18.02.2023. Füllworte wie „Haus der Demokratie“, „ergebnisoffene Machbarkeit“ und „Miteinander“ sind nur semantisches Blendwerk.

    Die seitens der Stiftung nun aufgemachten Forderungen lauten u.a.:

    „Die Kubatur des ursprünglichen Baus muss Ausgangspunkt der Überlegungen sein“ und aus städtebaulichen und inhaltlichen Gründen „müsse ein angemessener Abstand zur Nachbarbebauung (dem Rechenzentrum) gewährleistet sein.“ (PM der Stiftung GK)

    Diese Forderungen bedeuten nichts anderes als ein Abriss des RZ, denn schon die „ursprüngliche Kubatur“ des Kirchenschiffes würde einen Teilabriss des RZ erfordern. Ein „angemessener Abstand“ – ein sehr deeeehnabrer Begriff, umschreibt nichts anderes als die stets wiederholte Abrissforderung, da neben dem Teilabriss jeder weitere „Abstandabriss“ zum Komplettabriss führt.

    Die Garnisonkirchenstiftung stimmt bei ihrer Klausurtagung zwar theoretisch einer „ergebnisoffenen Machbarkeitsstudie“ zum „Forum an der Plantage“ zu, macht aber Forderungen auf, die sie als Vorrausetzzungen für diese Marchbarkeitsstudie sieht. Somit legt sie das „städtebauliche“ Ergebnis, die Kubatur und die notwendigen Abrisse fest. Gleichzeitig sieht sie die Chane, dass die Stadt die Lücke füllt, die das eigene finanzielle Unvermögen gerissen hat: Ein Schiff für den Turm!

    Unter den Stadtverordneten ist die Idee eines Hauses der Demokratie nebst Plenarsaal umstritten. Das wurde am Freitag in einer Sitzung mit der Stiftung deutlich. Einige Parteien/Gruppen haben klare Positionen. Lediglich die Mitglieder der Rathauskooperation geraten ähnlich der Stiftung bei Thema Forum Plantage/Haus der Demokratie ins verbale Schwadronieren ohne konkret zu sagen was sie wollen, was sie als Kompromiss betrachten oder wo ihre Deadline ist. Sie sind sich nicht einig aber sie sind bereit eine halbe Million Euro für einen Prozess auszugeben, dessen grundsätzliches Ergebnis durch die o.g. Bedingungen der Stiftung schon vorgegeben ist.

    Wenn die Rathauskooperation aus SPD, Grünen und Sozial.Linke mit ihrer knappen Mehrheit jetzt noch FÜR eine Machbarkeitsstudie in der SVV stimmt, stimmt sie den oben genannten Plänen und Vorbedingungen der Stiftung Garnisonkirche zu. Sie machen sich zu Handlanger:innen der Stiftung Garnisonkirche. Sie missachten gleichzeitigt den Willen der Bürger:innen und ihre eigenen Beschlüsse „Kein städtisches Geld für die Stiftung Garnisonkirche und den Wiederaufbau der Garnisonkirche.“

    Die grundsätzliche Frage: Wie gelangt das Grundstück des Kirchenschiffes in die Verfügung der Stadt wurde nicht thematisiert. Dies sollte aber eine Vorbedingung der Stadt sein! Bauen auf eigenem Grund. Der Plenarsaal sollte nicht zum Spielball einer kirchlichen Einrichtung werden. Die Stadt sollte nicht per Pacht oder ähnlichem zum Finanzier der Stiftung werden und somit deren langfristigen finanziellen Defizite beim Turmbetrieb ausgleichen.

    Nachdem der Staat den Turm finanziert hat, soll nun die Stadt die Kubatur des Kirchenschiffes bezahlen … und darf dafür mit seinem Souverän darin tagen. Das ist eine seltsame Trennung von Kirche und Staat. Und gerade ein angeblich „linkes, soziales, weltoffenes Bündnis“ lässt sich so von einer religiösen Interessengruben einspannen und schafft eventuell sogar in den nächsten Wochen die parlamentarischen Voraussetzungen dafür.

    CL/OW

    *

  • Debatte um Plakataktion – CDU ohne Rückgrat

    „Rechte Wallfahrtsorte verhindern“, „Rechenzentrum bleibt“ und „Stadt für Alle“ – mit diesen drei Forderungen hatten Potsdamer Aktivist:innen im Dezember letzten Jahres ein Werbeplakat des Hans Otto Theaters ergänzt und format- und stilgerecht eine Abbildung des historischen Handshakes zwischen Hitler und Hindenburg in der Potsdamer Nagelkreuzkapelle im Jahr 1933 montiert. Die Montage bzw. das Adbusting von ungefähr einer Handvoll Plakaten löst vor allem bei der Potsdamer CDU schwerste Impörung aus. Da das Theater die kunstvoll ergänzten Plakate weder abhängen lässt noch gegen die Verursacher zu Felde zieht, sieht sich Kreischef Oliver Nill genötigt, in einem offenen Brief die Förderung des Theaters in Frage zu stellen, Anna Lüdcke und Rainer Dallwig wollen von Intendantin Jahnke eine Entschuldigung hören.

    Dazu fällt Jahnke etwas ein: Die CDU wird kurzerhand zur Vorstellung von Sartres „Die schmutzigen Hände“ und zur anschließenden Podiumsdiskussion über die Sorgen und Nöte der CDU mit der Plakataktion und der Haltung des Theaters hierzu eingeladen. Es kommen Lüdcke und Dallwig, mit ihnen diskutieren Hauptdarsteller Sies sowie Intendantin Jahnke (1).

    Inhalt der Podiumsdiskussion soll die Debatte um die Kunstfreiheit und die Sprechfähigkeit des Theaters in politischen und gesellschaftlichen Debatten sein. Eingangs wird klar formuliert, dass hier kein Wiederaufrollen der Argumente von Gegnern und Befürwortern der Garnisonkirche stattfinden soll. Doch bereits die ersten Einlassungen der geladenen Gäste verhindern genau das: Unsicher und wage erklärt Lüdcke, als Stadtverordnete sehe sie sich als Vertreterin derjenigen Wähler:innen, die ob der Plakate mit Befindlichkeiten und Befürchtungen zu kämpfen hätten, sich unbehaglich fühlten in ihrer Haut und ohne Stellungnahme und Diskussionsteilnahme der selbst ernannte Volkspartei kein Gehör in der Stadtgesellschaft fänden. Den Betroffenen gegenüber hingen noch immer eine Handvoll gebranntmarkter Plakate. Lüdcke sei heute Abend mit Dallwig angetreten, dieses Ungleichgewicht aufzuwiegen.

    Mehrmals kommen Sies und Jahnke auf das Spannungsfeld zwischen den Verfassungswerten der Kunstfreiheit und des so genannten Neutralitätsgebots zu sprechen, es geht um Verhältnismäßigkeit, es geht um das Theater als gesellschaftlichen Akteur. Sie haben es schwer damit. Wieder und wieder wiegeln die beiden CDUler:innen das eigentliche Thema unter Verweis auf die Gemengelage der Gefühle ab. Auch ein kleiner Teil des Publikums trägt zu diesem Umstand bärbeißig bei: Frei nach Austin performt die zweite Reihe ebenjene inneren Wallungen, geräuschvoll, mittels permanenten Zwischenrufen, aufgeregten Stöhnern und zeternden Konjunktionen, dessen Haupt- und Nebensätze mehrheitlich unausgesprochen bleiben müssen, teilweise aber Moderator und Podiumsgäste übertönen: ABER hätte doch die Bildmontage keinen Bezug zum Stück, ABER seien doch die Plakate mit öffentlichen Mitteln gezahlt, ABER sehe man hierin doch keinen künstlerischen Wert. Insbesondere ABER sehe man sich vom Plakat als Nazi beschimpft, die Garnisonkirche gar mit ihrer Rolle in der NS-Zeit in Zusammenhang gesetzt. Inwiefern Begriff und Adressierung aus der Adbusting-Aktion herausgelesen werden, kann vor Aufregung nicht mehr geklärt werden. Und so spielen sich Wiederaufbaubefürworter:innen, Parteigänger:innen und CDU-Podiumsgäste eine Stunde lang die Bälle zu – nur eben am Spielfeld vorbei. Bei Teilnehmer:innen außerhalb der zweiten Reihe mag sich auch die Brust verengt haben, allerdings eher vor Scham über die affektgeladenen Ausbrüche im Publikum und die eher planlos wirkenden Erklärungsversuche der beiden CDUler:innen.

    Nun kann niemand von intensivst aufgewühlten Gästen im Publikum eine Einlassung auf die Frage erwarten, wie um alles in der Welt Unionskreischef Nill darauf verfallen konnte, das Theater habe sich aufgrund der Inanspruchnahme einer staatlichen Förderung zur Neutralität im politischen Diskurs verpflichtet und diese Vereinbarung just gebrochen. Schon aber von Lüdcke und Dallwig, die mitnichten lediglich als Vertreter:innen einer Wählerschaft sondern eben auch als Vertreter:innen ihrer Partei auf einem öffentlichen Podium zu Gast sind. Doch genau hier kommt man ins Schlingern. Von Nills Aussage wird sich distanziert, man könnte nicht wissen und sich gar kaum erinnern, wer eigentlich den Brief verfasst habe oder wie ausgerechnet so ein Satz seinen Weg in die Stellungnahme gefunden habe. Kurz und gut: man könne ja nichts dafür und wolle doch nur eine Entschuldigung als Bedingung für die ausstehende Versöhnung, mehr nicht. Das Raunen und Zetern der emotionsdarstellenden Künstler:innen aus der zweiten Reihe bewahrt Dallwig und Lüdcke davor, hier wirklich einzustehen und ebenso davor, irgendeine inhaltlich profunde Aussage zu Wege bringen zu müssen. Man lehnt sich gelassen zurück.

    Doch trifft Sies mit seiner Nachfrage, ob es sich hier nicht um Mittel eines rechten Kulturkampfes handeln könnte, den Nagel auf den Kopf. Denn seit Jahren bemüht sich die AfD nicht nur im Brandenburger Flächenland darum, Jugend- und Kultureinrichtungen unter Verweis auf ein angebliches Neutralitätsgebot um ihre Fördermittel zu bringen. Das tut sie professionell, stets und ständig und auf eine Weise, die kleine und größere Vereine als auch Landes- und Kreisverwaltungen unter enormen Druck setzen. Sies dürfte die jahrelange Debatte als auch den Kampf der Kultureinrichtungen um ihre Existenzgrundlage gezwungenermaßen verfolgt haben. Was Sies und Jahnke auch wissen dürften: AfD und in diesem Fall eben auch die CDU verdrehen und Überdehnen in ihren Angriffen das vermeintliche Neutralitätsgebot. Dies besagt im Kern, dass Akteure, die staatliche Förderungen beziehen, natürlich keine parteipolitischen Linien verfolgen oder Vertreter:innen einzelner Parteien gegenüber der anderer übervorteilen dürfen. In keiner Weise bestehen Gesetze oder gar Verbote für Kultureinrichtungen, in politischen oder gesellschaftlichen Debatten eine Haltung oder eine Position zu vertreten oder eben: auf Aktivismus zu reagieren. Dallwig und Lüdcke reagieren auf Sies Nachfragen und Jahnkes Erläuterungen scheinbar unvorbereitet und naiv – in Wirklichkeit ignorieren sie schlicht, in welcher Debatte sie sich eigentlich gerade befinden. Dallwig setzt gar noch eins oben drauf als er behauptet, Wähler:innen hätten nach der Plakataktion Angst, man würde sie nun „jagen“. Doch was Dallwig hier aufgreift ist ausgerechnet ein Ausspruch Alexander Gaulands aus dem Wahlkampfjahr 2017, der sein „wir werden sie jagen“ auf die von Angela Merkel geführte Regierung aus CDU und SPD bezog. Gaulands Auspruch hatte für viele aus der rechten Szene den Charakter einer Handlungsaufforderung und rechte Angriffe auf linke, sozialdemokratische aber auch konservative Lokalpolitiker:innen nehmen bekanntermaßen seit Jahren drastisch zu. So trifft auch Sies Einwand, CDU und die diffuse Menge derer, die hier vertreten werden solle, setzten sich in eine Opferrolle. Dies stimmt zumindest beinahe, denn Dallwig spielt hier mit dem Motiv der Täter-Opfer-Umkehr, indem er an das Gaulandzitat erinnert und somit erneut an eine bewährte Methode des Kulturkampfes von rechts anknüpft. In der Realität gab es weder Drohungen gegen Menschen noch sind nach der Plakataktion Tote und Verletzte zu beklagen.Im Verlaufe der 30jährigen städtischen Debatte allerdings sind durchaus konkrete Drohungen gegen Leib und Leben linker Aktivist:innen zu verzeichnen, wie Lutz Boede (Wähler:innengruppe DIE aNDERE) später am Publikumsmikro erklärt.

    Auch Lüdcke gelingt es nicht, hier noch die Kurve zu kriegen, als sie Intendantin, Künstler und Publikum  empfiehlt, sich wenn dann doch an den „richtigen“ politischen Debatten zu beteiligen und Stellung zu beziehen. Aktivismus sei hiervon ausgenommen und allein deswegen hätte sich das Theater keinesfalls zu den Plakaten positionieren dürfen. Eine ulkige Ansicht bedenkt man, dass es gerade Aktivist:innen zu verdanken ist, dass die Taktik der AfD, Kultur- und Jugendeinrichtung auf die oben beschriebene Weise anzugreifen, offen gelegt wurde und Einrichtungen in die Lage versetzt wurden, sich juristisch diskursiv zu wehren. Auf dieser Grundlage konnte das Hans Otto Theater selbstbewusst zum Diskussionsabend einladen.

    Selbst das erneute Bemühen um sachliche Argumente wurde ein um das andere Mal zum Bumerang für die CDU-Vertreter:innen. So bezog sich die CDU auf angebliche Steuermittelverschwendung, weil die aus Fördermitteln bezahlten Plakate sachfremd gekapert worden seien. Die Leitung des Theaters hätte dies im Sinne der Mittelverwendung verhindern müssen. Knackige Zwischenrufe aus dem Publikum zum Ausmaß der Steuermittelver(sch)wendung der Garnisonkirche lassen diesen Punkt in einem lachenden Saal verhallen. Ob im Sinne der Öffentlichkeitsarbeit für das Theater die Plakate nicht sogar zu einer Aufwertung als Diskursraum beigetragen haben, blieb als offener Punkt im Raum stehen.

    Am Ende bleibt Lüdcke nur noch der hilflose Verweis auf eine allgemein aufgeheizte politische Debatte, auf problematische Hass- und Hetzkampagnen im Netz. Doch der schlägt doppelt fehlt – hat doch erst die CDU mit ihrem Brief zur Kampagnenartigkeit des Vorfalls beigetragen und sind doch auf dem (analogen!) Plakat weder Verunglimpfungen noch Adressierungen zu lesen. Vielmehr war es der Brief der CDU und das aufgeregte Umhergetwitter von Lüdtke und Dallwig, die hier polarisieren, die Gemüter erhitzen und offenbar auch inhaltlich aufs Glatteis führen, wie die Wortbeiträge aus der zweiten Reihe belegen.

    Selbstverständlich bedient sich die CDU hier Mitteln des rechten Kulturkampfes. Nur war Nill weniger professionell und aggressiv am Werk als die AfD. Es ist ihm schlicht nicht gelungen. Schlimmer aber noch ist die Naivität und die Rückgradlosigkeit, die Lüdcke und Dallwig so arglos zur Schau stellen. Ihre offenkundig schlechte Vorbereitung und das Fehlen jeder Position zum eigentlichen Kern der Debatte lässt letztlich auch die Erzählung von Zuschriften und Anrufen empörter Wähler:innen unglaubwürdig erscheinen. Selbst die lautstarke zweite Reihe liefert keinen Beweis dafür: In mehreren Wortbeiträgen geriert man sich hier zusammen mit der CDU als Streitkraft für Demokratie und Rechtsstaat, übersieht dabei aber den Werkzeugkasten antidemokratischer Mittel, derer sich – bei der AfD abgeguckt – die CDU selbst bedient und deren Wirkung Wiederaufbaufreund:innen hier am Ende blind aufgesessen sind.


    (1) Siehe auch Tagesspiegel „Streit um Plakataktion“ und sowie „Debatte nach Aktion gegen Garnisonkirche

  • Mitte(un)schön!

    Laut Eigendarstellung ist Mitteschön! eine Bürgerinitiative, die von sich auf der eigenen Webseite behauptet „Wir besitzen Schwarmintelligenz, das heißt, jeder bringt das ein, worin er Erfahrung hat. Wer „mitschwärmen“ will, macht einfach mit!“

    Was darunter zu verstehen ist, zeigt eine Facebook-Runde von Mitteschön, die uns zugesandt wurde. Die Tweets sind eine Reaktion auf ein Tagesspiegel-Interview mit der Stadtverordneten Sara Krieg zum Geist von Potsdam und der Garnisonkirche.

    Die Mitteschöner kamen so richtig ins schwärmen. Wir dokumentieren die Schwarmintelligenz in vier Screenshots:

    Interessant, wer da alles mitschwimmt im Schwarm.

    ERGÄNZUNG: Mittlerweile sind aus 19 schon 39 Kommentare geworden. Das hebt weder die Qualität noch den IQ der Gruppe. Hier der Link Mitteschön! | Sara Krieg…ihr Name ist Programm | Facebook zum Nachverfolgen. Dank an Sandro Zilleweit für einen Eintrag:

    „Das hier ist unterstes Niveau! Dies hat nichts mit Debattenkultur zu tun. Es ist erschreckend zu sehen, mit welcher Agressivität hier nicht vor persönlichen Anfeindungen zurückgeschreckt wird. In dieser Stadt haben sich über 16.000 Menschen in einem Bürgerbegehren gegen ihr Wiederaufbauprojekt gestellt. Ich verstehe, dass sie das nicht erfreut, aber dies ist kein Grund hier in aller Öffentlichkeit die Vorsitzende des Ausschuss für Kultur der Landeshauptstadt Potsdam zu beleidigen! Frau Kuster, sie sollten sich schämen und entschuldigen!“

  • Stäbleins Stöckchen

    Landesbischof Christian Stäblein mischt sich mit einer persönlichen Äußerung in die Debatte um den umstrittenen Wiederaufbau der Garnisonkirche ein. ER sei bereit, auf das historische Kirchenschiff zu verzichten. Er findet die Idee, dass die Stadtverordnetenversammlung zukünftigt im Schatten des Kirchturms tagt, „stark.“

    Stäbleins Einwurf kommt ausgerechnet jetzt, einige Tage vor der nächsten SVV am 25.01.2023. Auf dieser soll über die Machbarkeitsstudie für das Haus der Demokratie abgestimmt werden. Die Stadtverordneten sollen Geld frei geben, um der Stiftung eine Ersatzschiff zu ermöglichen. Der Stiftungsvorsitzende Christian Stäblein hätte diese Äußerung zum Kirchenschiffverzicht auch auf der letzten Kuratoriumssitzung machen können. Er hätte auch dafür sorgen können, dass die Stiftung ein Beschluss fasst, der den Verzicht auf das Kirchenschiff zum Inhalt hat. Hat er aber nicht. Somit bleibt die Äußerung nur ein Stöckchen, über das die Stadtverordneten springen sollen, bevor sich die Stiftung endgültig positioniert.

    Bisher hat die Stiftung über ihren Laut- und Pressesprecher Eschenburg nur verkünden lassen, dass sie dem Prozess der Machbarkeitsstudie offen gegenübersteht, ABER jederzeit das Ergebnis ablehnen wird, wenn es der Stiftung nicht passt.

    Um Klarheit zu haben, ist ein Beschluss der Stiftung zum Verzicht auf das Kirchenschiff notwendig UND die Übertragung der Grundstücksteile, die nicht für den Turm benötigt werden. Nur so ist, trotz aller Machbarkeiten für ein Haus der Demokratie, die Einhaltung der SVV-Beschlüsse und des klar formulierten Willens der Bürger:innen umsetzbar, der da lautet: Kein städtisches Geld für die Stiftung Garnisonkirche und den Wiederaufbau der Garnisonkirche. Denn wie allseits bekannt ist, ist der Turmbetrieb hoch defizitär. Und eine Pachtzahlung seitens der Stadt an die Stiftung für das Grundstück, ist klar eine finanzielle Unterstützung für das Wideraufbauprojekt, dem sogar das Geld für die Vollendung des Turms fehlt.

    Es gibt Stimmen in der Stadt, dies sagen, es solle im Januar noch kein Beschluss zur Machbarkeitsstudie geben. Auch weil die Stiftung noch keinen Beschluss vorgelegt hat. Der CDU sind noch andere Gründe eingefallen.

    Anbetracht der prekären Lage des Kaufhauses in der Brandenburger Straße, raten wir auch zum Warten. In wenigen Wochen ist evtl. die Immobilie für wenig Geld zu haben. Ein Haus der Demokratie mitten in der Stadt. Ganz nah bei den Menschen und nicht im Schatten eines fragwürdigen Prestigebaus. Das Gebäude steht schon. Ein geschickter Innenausbau kann Platz für das Museum ebenso schaffen wie für einen Plenarsaal und Büroräume für die Fraktionen. Das sehenswerte, im Jugendstil gefasste Glasdach des Kaufhauses würde dann auch für mehr Licht im Dunkel der Stadtpolitik sorgen.

    Das RZ könnte dann bleiben und bedarfsgerecht saniert werden. Eine Stadtpolitik, die vor Jahren noch Millionen Euro für den Kauf und Abriss des Hotel Merkur aufbringen wollte, wird doch wohl auch ein Kaufhaus aus der Konkursmasse eines Shoppingkonzern kaufen können. Und es wäre ein Beitrag zum Ressourcenschutz. Nicht nur in Bezug auf die Baustoffe, sondern auch auf die Zeit und Kraft, die von allein Beteiligten und Nicht-Beteiligten der Machbarkeitsstudie abverlangt werden. Und das obwohl alleinig die Stiftung Garnisonkirche mit den Kuratoriumsmitgliedern Mike Schubert und Christian Stäblein, über das Ergebnis letztendlich entscheidet.

    Ein Beitrag von Carsten Linke

  • Geist von Potsdam

    Preußisches Militär als Tradition und Erbe

    Symposion, Potsdam den 13.-15. Januar 2023

    Angesichts des Vorhabens, die Potsdamer Garnisonkirche als Wahrzeichen des Friedens wiederaufzubauen, scheint die reflektierte ortsbezogene Auseinandersetzung mit der preußischen Militärgeschichte von großer Wichtigkeit. Denn das Bauwerk ist die bauliche Ikone der Potsdamer Eliteregimenter der Semper-Talis-Tradition, welche die Bundeswehr 1961 wieder aufgegriffen hat. Ist es aber für eine demokratische Parlamentsarmee zielführend, sich auf die Semper Talis Tradition zu berufen? Die geplante Tagung beabsichtigt, sich allen diesen Fragen aus multidisziplinärer Perspektive zu nähern, die neueren Forschungen zum preußischen Militärwesen zu beleuchten und eine breite Öffentlichkeit zur Diskussion einzuladen.

    Analog
    Potsdam Museum – Forum Für Kunst und Geschichte
    Am Alten Markt 914467 Potsdam
    Digital
    Zoom-Webinar: https://uni-kassel.zoom.us/j/93191884976

    Freitag, 13. Januar 202312:00 Einlass12:15 Begrüßung
    12:30 Kulturen des Militärischen
    Militarisierung der Gesellschaft: John Zimmermann
    Kardettenschule: Olaf Briese
    Luisenbund. Frauen im Militärstaat: Jeanette Toussaint
    14:00 Pause
    14:15 Kameradschaft und militärische Kultur im 20. Jahrhundert: Thomas Kühne14:45 Diskussion
    15:45 Pause

    16:15 Gewaltakte und Gewaltexzesse
    Preußische Angriffskriege/Preußische Teilungen: Agnieszka Pufelska
    Kolonialkriege in Deutsch Ostafrika, Lettow-Vorbeck: Sandra Maß
    Freicorps: Rainer Orth
    17:45 Pause
    18:00 Verbrechen der Wehrmacht in Polen: Jochen Böhler
    18:30 Diskussion
    19:30 Ende

    Samstag, 14. Januar 1923
    10:00 (Un-)Geist von Potsdam:
    Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I: Barbara Stollberg-Rilinger
    „Auf den Opfern und auf den Waffen beruht der Sieg“ – militaristische Netzwerke in Potsdam während der Weimarer Republik, Matthias Grünzig
    Das Potsdamer Infanterie-Regiment 9 zwischen sozialer Exklusivität und militärischer Professionalität: Marcus Funck
    11:30 Pause
    11:45 Die Potsdamer Garnisonkirche als Symbolbau des Geistes von Potsdam: Philipp Oswalt
    12:15 Diskussion
    13:15 Pause

    14:00 Innergesellschaftliche Militärkonflikte
    Niederschlagung der Revolutionen von 1848 und 1918/19: Rüdiger Hachtmann
    Die Geburt der Nation aus dem Krieg: Einigungskriege: Christine Krüger
    Militärkritik in der Weimarer Zeit, Beispiel Weltbühne: Friedhelm Greis, Stefanie Oswalt
    15:30 Pause
    15:45 Deserteure: Michael Sikora
    16:15 Diskussion
    17:15 Pause

    17:45 Traditionsstolz oder Lange Schatten?
    Kontinuitäten nach 1945: Detlef Bald
    Der Umsturzversuch vom 20. Juli 1944 und die Ambivalenz seiner Erinnerungskultur“ Linda von Keyserlingk-Rehbein
    Skandale in Uniform: Jakob Saß
    19:15 Pause
    19:30 Höhen und Abgründe. Die Bedeutung älterer deutscher Streitkräfte für das Traditionsverständnis und die Traditionspflege der Bundeswehr: Sven Lange
    20:00 Diskussion

    Moderationen: Renata Schmidtkunz
    Informationen zu ReferentInnen unter:http://lernort-garnisonkirche.de/symposion-geist-von-potsdam/

    Sonntag, 15. Januar 2023
    12:00 Militärhistorischer Stadtspaziergang mit Carsten Linke
    Treffpunkt am Deserteursdenkmal auf dem Platz der Einheit

    Veranstalter
    Lernort Garnisonkirche Potsdam
    Ein Projekt der Martin-Niemöller-Stiftung e.V. in Kooperation mit der Universität Kassel und Potsdamer Initiativen
    www.lernort-garnisonkirche.de
    In Kooperation mit Nordost-Institut an der Universität Hamburg in Lüneburg und dem Potsdam Museum – Forum Für Kunst und Geschichte
    ———————————————————info@lernort-garnisonkirche.dewww.lernort-garnisonkirche.de
  • Der Geist von Potsdam

    Preußisches Militär als Tradition und Erbe

    In der (ehemaligen) preußischen Militärstadt Potsdam gibt es vom 13.01.-15.01.23 eine Tagung zur gesellschaftlichen Rückbesinnung auf Traditionen des preußischen Militärs, seiner Symbolorte und fragwürdigen Traditionslinien der Bundeswehr. Eine Veranstaltung des alternativen Lernort Garnisonkirche Potsdam (lernort | garnisonkirche (lernort-garnisonkirche.de)) im Potsdam Museum, dem Forum für Kunst und Geschichte.

    Wir dokumentieren:

    „Die aktuellen Verbrechen der russischen Armee in der Ukraine zeigen mit aller Deutlichkeit, wie die historisch gewachsenen, latenten und manifesten Potenziale eines hegemonialen Überlegenheitsanspruchs zur Entgrenzung von Gewalt und zum Krieg führen können. Vor diesem Hintergrund ist es wichtig, nach politisch-ideologischen Prägungen des Militärs zu fragen. Inwiefern stellt die imperiale/koloniale Gewalt eine legitimierende Kontinuität im Denken und Handeln der Soldaten dar? Die Tagung beabsichtigt dieser Frage am Beispiel des preußischen Militärs nachzugehen. Anhand von Motivationen personellen und institutionellen Entscheidungen sowie ihren Zusammenhängen sollen Funktion und Ausrichtungen des preußischen Militärs aufgezeigt werden. Gefragt wird auch, wie der preußische Staat sein Militär organisierte, welche militärische Pflichten er seinen Einwohnern auferlegte und wie seine ideologische Ausrichtung das Militärsystem prägte.

    Angesichts des Vorhabens, die Potsdamer Garnisonkirche als Wahrzeichen des Friedens wiederaufzubauen, scheint die reflektierte ortsbezogene Auseinandersetzung mit der preußischen Militärgeschichte von großer Wichtigkeit. Denn das Bauwerk ist die bauliche Ikone der Potsdamer Eliteregimenter der Semper-Talis-Tradition, welche die Bundeswehr 1961 wieder aufgegriffen hat. Ist es aber für eine demokratische Parlamentsarmee zielführend, sich auf die Semper Talis Tradition zu berufen? Die geplante Tagung beabsichtigt, sich allen diesen Fragen aus multidisziplinärer Perspektive zu nähern, die neueren Forschungen zum preußischen Militärwesen zu beleuchten und eine breite Öffentlichkeit zur Diskussion einzuladen.“

    Hier das Programm zum Download:

  • Garnisonkirchen-Stiftung leistet Offenbarungseid

    Wir sind müde und haben kein Geld. So die Kurzfassung des Berichts des Verwaltungsvorstandes Peter Leinemann am letzten Samstag auf der Synode der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) in Berlin. Für den Bau des Potsdamer Garnisonkirchturms muss die Landeskirche auch im kommenden Jahr Geld zuschießen. Als Grund nannte der Verwaltungsvorstand der Stiftung Garnisonkirche, Peter Leinemann, das „schwache Spendenaufkommen“. Wie hoch der Zuschuss ausfallen müsse, ließ er offen. Bisher ist es rund eine Million Euro. Mit dieser Offenbarung gibt die Stiftung den Kritiker*innen des Projektes Recht. Der Betrieb des Turmes ist nicht wirtschaftlich darstellbar. Weder in der Bauphase, noch im Betrieb.

    Der Turm soll 2024 mit seiner Kapelle und der Aussichtsplattform als touristischer Wallfahrtsort eröffnet werden. Der umstrittene Wiederaufbau wurde zudem bislang mit rund 25 Millionen Euro vom Bund gefördert. Der Bundesrechnungshof kritisierte in seinem jüngsten Bericht die millionenschwere Förderung erneut. Es seien grundlegende Regelungen des Haushaltsrechts untergraben worden und es hätten Bauunterlagen gefehlt. Auch ins Schwarzbuch des Steuerzahlerbundes hat es der Turmbau schon geschafft.

    Seit dem „Ruf aus Potsdam“ im Jahre 2004 – seit fast 20 Jahren! – sind nicht einmal 12 Mio. Euro Spendengelder zusammengekommen. „Es vereinfache das Sammeln privater Spenden nicht, wenn das Projekt von Kritikern ständig in ein schlechtes Licht gerückt werde“, sagte Leinemann auf der Synode. „Manchmal ermüdet das, wenn uns immer wieder undemokratische Verhaltensweisen vorgeworfen werden.“ (siehe www.evangelisch.de vom 12.11.)

    Für den meisten Gesprächsstoff sorgen allerdings die Befürworter*innen des Projektes selbst. Durch Debatten um die schwankenden Ziele der Stiftung und durch Geschichtsverfälschung zahlreicher Papiere und Aussagen. Schon der „Ruf aus Potsdam“ ist ein Beispiel für Geschichtsrevisionismus. Kein Wunder also, dass sich kundige Historiker*innen oder Bürger*innen immer wieder zu Wort melden, um auf derartige fake news aufmerksam zu machen.

    So auch am Tag vor der Kuratoriumssitzung der Stiftung Garnisonkirche Anfang November. Da gab es in der FAZ einen Beitrag von Andreas Kitschke zum vollständigen Wiederaufbau der Garnisonkirchenattrappe.

    Kitschke weist eingangs darauf hin „Hitler war nur einmal hier“. Was soll uns das sagen? Auch Mussolini war nur einmal in der Garnisonkirche (1937). Ebenso der faschistische Außenminister Matsuoka aus Japan (1941). Gleiches gilt für Alexander den Großen (1805). Ohne den jeweiligen geschichtlichen Kontext und die Wechselwirkung die sich aus den Besuchen ergaben, macht eine solche Aufzählung keinen Sinn. Und als Versuch der Reinwaschung der Kirche eignet sich eine solche Überschrift auch nicht. Die Kritik an dem Objekt – auch wenn Zeitungen dies immer wieder schreiben – ist doch nicht allein im Tag von Potsdam oder in der Anwesenheit Hitlers begründet. Die Kritik ist vielschichtiger. Es geht um die Verquickung von Kirche und Militär, Militarismus und Kolonialismus, Geschichtsrevision, Symbolik, „Siegerjustiz“, Christianisierung, öffentliche Finanzierung, Städtebau und Vertreibung…. Um nur einige Gründe aufzuzählen.

    Kitschke verdreht nicht nur die Geschichte, die Funktion und die Symbolik der Garnisonkirche, sondern auch die der Fördergesellschaft für den Wiederaufbau der Garnisonkirche (FWG). Er behauptet die FWG hätte weder personell noch inhaltlich etwas mit der von dem rechtsradikalen Bundeswehroffizier Max Klaar 1984 in Iserlohn initiierten Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel (TPG) zu tun. Das ist schlicht eine Falschaussage. Der Oberst der Panzerbrigade Burkhard Franck, ein langer treuer Weggefährte von Max Klaar, wurde bei der Gründung der Fördergesellschaft gemeinsam mit Kitschke in deren Vorstand gewählt und war von 2012 an ihr Vorsitzender!

    Phillip Oswalt vom alternativen Lernort Garnisonkirche hat am 09.11. einen Gegenbeitrag in der FAZ erreicht. Diesen dokumentieren wir hier.

    Was Oswalt auslässt und Kitschke ebenfalls irreführend darstellt, ist der Finanzierungskreislauf – eine Art moralische Geldwäsche von Max Klaar und der evangelischen Kirche an die Stiftung Garnisonkirche. Nachdem es zu inhaltlichen Differenzen bezüglich der Nutzung der aufzubauenden Kirchenattrappe kam, spendete Klaar über 6 Mio. € an diverse Kirchen und Einrichtungen dieser Stadt. Unmittelbar darauf gaben die verschiedenen Kirchenstrukturen (Bund, Land, Stadt) der Stiftung Garnisonkirche in Summe einen Kredit über 5 Mio. €. Dieser diente als Grundstock der Finanzierung und war die Basis für die Förderung seitens des Staates.

    Diese Finanzierung wiederum wurde nicht nur von den „Kritiker*innen“ gerügt, sondern vom Bundesrechnungshof. Das ist eine Bundeseinrichtung die „schlechtes Licht“ auf die Geldgeberin und die Stiftung sowie das gesamte Finanzierungskonzept geworfen hat. Leider viel zu spät.

    Die Potsdamer*innen, die seit zehn Jahren im Bürgerhaushalt für „kein städtisches Geld für den Wiederaufbau der Garnisonkirche“ abstimmen, werfen kein „schlechtes Licht“ auf das Projekt, sondern lassen sich lediglich nicht von falschen Versprechungen blenden.

    OWCL

  • GK nein danke! Bürgerhaushalt 2023/24

    „Garnisonkirche – nein danke!“ ist die klare Botschaft der Potsdamer*innen im aktuellen Bürgerhaushalt 2023/24.

    Mehr als 125.000 Voten wurden von über 10.000 Bürger*innen bisher vergeben. Über 10.000 Punkte hat der Vorschlag Nr.10 „Kein Stadtgeld für den Wiederaufbau der Garnisonkirche“ nach aktuellem Auszählungsstand erhalten. (1)

    Mit mehr als 2500 Punkten liegt dieser Vorschlag vor dem Nächstplatzierten. Im Bereich Haushaltssicherung gehen rund 25 Prozent aller Stimmen, also jedes vierte Kreuz auf „Kein Stadtgeld für den Wiederaufbau der Garnisonkirche“!

    Über „Kein städtisches Geld für den Wiederaufbau der Garnisonkirche“ wurde 2012 erstmals abgestimmt. Seit vielen Jahren erreicht dieser Vorschlag zur Haushaltssicherung den Platz 1 des Bürgerhaushaltes (2013-2021). So ist es auch diesmal. Eine Ausnahme gab es nur 2017. Da erreichte der Vorschlag der Bürger*innen nur Platz 2 hinter „Kein städtisches Geld für den Abriss des Hotel Mercure“.

    Seit 10 Jahren votieren die Bürger*innen der Stadt mit diesem Votum nicht nur für die Haushaltssicherung, sondern gegen das Wiederaufbauprojekt Garnisonkirche. Der Bürgerhaushalt ist leider die einzige Form der Mitbestimmung. Ein direktes Votum pro/contra Wiederaufbau dieses militaristisch-preußischen Symbolbaus wurde den Bürger*innen der Stadt immer verwehrt. Kein Wunder also, dass der Vorschlag alljährlich mit Abstand das Ergebnis dominiert. Sicherlich tragen auch die vielen Schlagzeilen zum mangelnden inhaltlichen Konzept und zur fragwürdigen Finanzierung sowie das Gebaren der Stiftung Garnisonkirche zum negativen Votum der Bevölkerung aktiv bei. Einen Rückhalt in der Bevölkerung hat das Projekt nicht!

    „Kein Stadtgeld für den Wiederaufbau der Garnisonkirche“ bedeutet auch, kein städtisches Geld direkt oder indirekt der Stiftung GK über das angedachte „Haus der Demokratie“ zukommen zu lassen. Weder durch eine Pachtzahlung noch durch ein städtisch finanziertes Gebäude mit gemeinsamer Gebäudenutzung. All das wäre eine Subventionierung durch die Hintertür. Die Politik der letzten Jahre hat sich immer stärker von der Willensbildung und Willkür der kirchlichen Stiftung abhängig gemacht. Kein Städtisches Geld für die kirchliche Stiftung (die sich gern der öffentlichen Kontrolle entzieht), ist auch ein klares Votum für die gebotene Trennung von Staat und Kirche.

    Der Vorschlag 11 „Die Stadt Potsdam führt eine öffentliche Einwohnerbefragung zur Zukunft des Areals rund um die Plantage, Garnisonkirche und Rechenzentrum durch. Grundlage dafür können die Ergebnisse der Machbarkeitsstudie zur Gestaltung des Standorts sein.“ hat es nicht in die Liste der letzten 20 geschafft. Das liegt sicherlich daran, dass es noch gar keine Machbarkeitsstudie gibt und schon gar keine Prämissen für eine solche Studie. Viel zu viel ist unklar beim Projekt „Forum an der Plantage“. Es gibt bisher nur eine Idee von Schubert und eine ablehnende, hinhaltende Position seitens der Stiftung. Abgestimmt werden sollte durch die Bürger*innen dann, wenn etwas Konkretes vorliegt. Eine klare Ja-Nein-Frage. Ganz unabhängig vom Bürgerhaushalt.

    Übersicht über die TOP 20-Vorschläge des BüHH 2023/24

    Den aktuellen Bürgerhaushalt 2023/24 dominieren drei Themenkomplexe: Städtebauliche Fragen, ökologische Themen und der Komplex Kultur/Freizeit/Sport, der auch ein wichtiges Element von Lebensqualität darstellt.

    Interessant, dass es ein Votum pro (Nr. 39) und ein Votum kontra Stadtkanalausbau (Nr. 9) in die Endrunde geschafft haben. Und das Ergebnis ist recht ausgeglichen, ein Patt. Beide Vorschläge haben es nicht unter die TOP 20 zur weiteren Bearbeitung geschafft. Es ist scheinbar kein Herzensprojekt der Potsdamer*innen. Ganz anders der Erhalt des Staudenhofes. Ein klares Votum für Erhalt und Sanierung, neues Denken beim Bauen sowie für einen aktiven Beitrag zum Ressourcen- und Klimaschutz.

    Mehrere Vorschläge für mehr und besseren Radverkehr sind vorhanden. Voraussichtlich zwei davon werden es in die TOP 20 schaffen und somit durch das Stadtparlament weiter diskutiert werden. Neu ist, dass Energie, Heizung, Klimaschutz so direkt von den Bürger*innen angesprochen und auch erfolgreich votiert werden.

    Mehr dazu unter https://buergerbeteiligung.potsdam.de/node/13220/votierung

    Nachtrag: Beim Bürgerhaushalt 2020/21 beteiligten sich noch mehr als 17.500 Potsdamer*innen. Also deutlich mehr als diesmal. Auf Platz 1 mit 20.589 Punkten war „Kein städtisches Geld für den Wiederaufbau der Garnisonkirche“.

    (1) Stand 13.11. 20:00 Uhr. Ab dem 14. November 2022 erfolgt die finale Auszählung. Dabei werden doppelte Abstimmungen und nicht Berechtigte aussortiert. Am 23. November 2022 folgen dann die weiteren Punkte des Postwegs und der persönlichen Abstimmung.

    Ein Beitrag von Carsten Linke