Kategorie: Garnisonkirche & Rechenzentrum

Nach dem Abriss der Fachhochschule konzentriert sich die Auseinandersetzung um die Stadtmitte auf einen ganz zentralen Konflikt Potsdamer Stadtentwicklung: Bleibt das Rechenzentrum als Symbol von Kreativität, Selbstbestimmung und Widerständigkeit oder entsteht die alte Garnisonkirche als Symbol für Militarismus, Krieg und Rechtsextremismus wieder?
Unsere Autor*innen erzählen vom „Lernort Garnisonkirche“, von den vielen Aktionen der BI „Für ein Potsdam ohne Garnisonkirche“ und haben quasi nebenbei ein Geschichtsbuch darüber geschrieben, welche Epoche warum die Stadtmitte von Potsdam dominieren sollte.

  • Verträge veröffentlicht

    Heute hat die Stadtverwaltung, gemäß der Verständigung im Hauptausschuss am 05.01.2022 die Grundstücksverträge aus den Jahren 2010 und 2013 und die Vereinbarung aus dem Jahr 2018 bekanntgegeben.

    Anbei die entsprechende Mitteilungsvorlage für die Stadtverordnetenversammlung mit kurzen Erläuterungen und als Anlagen die drei Verträge. So einfach kann Offenheit sein. Da es beim Download der Dateien von der Homepage der Stadt (https://egov.potsdam.de/bi/vo020.asp?VOLFDNR=34538) immer mal Probleme gibt, helfen wir hier gern aus.

  • Schubert im doppelten Dilemma

    Bei der Umsetzung seines Projekt der Dreiteiligkeit aus Rechenzentrum, GK-Turm und „Haus der Demokratie“ steckt OBM Schubert in einem doppelten Dilemma. Dies machte die Hauptausschusssitzung am 05.01. deutlich.

    Dilemma Nr.1: Er ist das Stadtoberhaupt und sollte zum Wohle der Stadt agieren. Gleichzeitig ist er aber im Kuratorium (dem „Aufsichtsrat“) der Stiftung Garnisonkirche und deren Wohl verpflichtet. Letzteres ist besonders prekär, da er laut Beschluss der SVV diese Stiftung eigentlich auflösen sollte und dafür Sorge tragen soll, dass dieser Stiftung und ihrem Bauvorhaben kein städtisches Geld zukommen soll. In anderen Zusammenhängen würde dies als Befangenheit ausgelegt werden.

    Dilemma Nr.2: Es fehlen dem OBM die Mehrheiten in der Stadtverordnetenversammlung (SVV). Dies wurde bei der Sondersitzung des Hauptausschusses am 05.01. deutlich. Der bürgerlich-rechte Block aus AfD, FDP, CDU und BüBü hat klargestellt, dass ihnen das Kirchenschiff wichtiger ist als alles andere. Das RZ soll weg, je schneller je besser. Verweise auf gefasste SVV-Beschlüsse helfen nicht.

    LINKE, aNDERE und Teile der SPD machten klar, dass ein Pachtvertrag zu Gunsten der Stiftung nicht in Frage kommt, denn dies würde dem Grundsatz „kein städtisches Geld für das Wiederaufbauprojekt“ zuwiderlaufen. Dies bedeutet, dass OBM Schubert bisher nur die Grünen* hat, um seinen Vorschlag 1:1 umzusetzen.

    Wenn OBM Schubert seinen aktuellen Vorschlag für ein „Haus der Demokratie“ durchbekommen möchte, dann hat er drei Möglichkeiten.

    Variante 1: Seine Rathauskooperation ködert er mit anderen Zugeständnissen. Er müsste speziell den LINKEN einen sachfremden Deal anbieten und die SPD-Fraktion „auf Linie bringen“ (die anteilig dem RZ-Erhalt skeptisch gegenüber steht).

    Variante 2: Er kann sein Festhalten an einem Pachtvertrag in Millionenhöhe aufgeben und hat somit mehr als nur die RaKo auf seiner Seite. Dies wäre auch die sicherste Variante für die Zukunft des Kunst- und Kreativhauses Rechenzentrum.

    Variante 3: Er macht den Konservativen klar, dass das Haus der Demokratie sehr wohl, auch von der Kubatur her, ein würdiger Ersatz für das Kirchenschiff sein wird und das RZ deshalb doch noch weichen muss.

    Den zeitlichen Druck, den Schubert den Fraktionen macht, kann man nur dahingehend deuten, dass für ihn die Variante 2 nicht die Vorzugsvariante darstellt. Wobei wir dann wieder beim Dilemma Nr.1 sind. Das Grundstück fällt der Stadt regelrecht in die Arme, aber Schubert greift nicht zu, sondern lieber ganz tief in die Stadtkasse.

    eine Beobachtung von Oskar Werner

    *Denn diese tragen im Moment das Projekt anteilig auch in der Hoffnung mit, dass sie daran noch einiges ändern können (zu Gunsten von historischem Stadtbild und Stiftung Garnisonkirche).

  • Platz da für neue Ideen:

    Heute (05.01.22) gibt es eine Sondersitzung des Hauptausschusses der Stadtverordnetenversammlung zum Ergebnispapier der 2. Phase des insgesamt 4-stufigen-Prozesses für das Areal an der Plantage, der 2020 gestartet wurde. Das Ergebnis wird oft als Platz Da!-Konzept bezeichnet. Das darin eingebettete Eingeständnis der Stiftung Garnisonkirche kein Kirchenschiff mehr bauen zu wollen, ändert nicht nur das städtebauliche Paradigma, sondern schafft inhaltlich wie rechtlich eine neue Situation und Platz für eine neue Diskussion!

    Zu einzelnen Ergebnissen des Konzeptes und Bedenken haben wir schon berichtet. Das wichtigste an dem Papier ist der städtebauliche Paradigmenwechsel der ihm innewohnt. Bisher galt: es wird ein Kirchenschiff gebaut und deshalb muss das Rechenzentrum weichen. Nun gilt die Leitlinie: Das Rechenzentrum bleibt und das Kirchenschiff entfällt (zumindest in traditioneller Form).

    Bei vielen Menschen entstand nach der Lektüre des Platz Da!-Konzeptes der Eindruck, als würde die Stadt jetzt der Stiftung Garnisonkirche das Schiff bauen, zu dem sie selbst nicht in der Lage ist. Das „Haus der Demokratie“ wurde auch gleich wohlwollend von Huber & Co vereinnahmt als passende Ergänzung zum unglaubwürdigen Dreiklang „Geschichte erinnern, Verantwortung lernen, Versöhnung leben“.

    Bei anderen Leser*innen überwog der Eindruck, das Konzept diene lediglich der Finanzierung der Stiftung. Es könnten Gelder im Umfang von 3-4 Million Euro an die Stiftung fließen, wenn das Konzept 1:1 umgesetzt würde. Kein Wunder also, dass die Hauptprotagonisten, inklusive ihrer Lautsprecher*innen wie Saskia Hüneke von den Grünen nun umschwenken.

    In den letzten Tagen machten deshalb die Bürgerinitiative „Für ein Potsdam ohne Garnisonkirche“ und der Vorsitzende der Stadtverordnetenversammlung, Pete Heuer (SPD) noch einmal deutlich, dass das Platz Da!-Konzept gegen die Beschlüsse der SVV und die Voten der Bürger*innen verstößt, die immer gefordert haben: Kein städtisches Geld für das Wiederaufbauprojekt und die Stiftung Garnisonkirche!

    Zeitgleich zerlegen sich die Befürworter*innen des originalen Wiederaufbaus der kompletten Garnisonkirche selbst. Natürlich ist das Eingeständnis der Stiftung, dass sie kein Kirchenschiff bauen will, ein Verstoß gegen die eigenen Grundsätze. Es ist allerdings keine „Selbstrücknahme“ wie gern gönnerisch dargestellt, sondern die schlichte Selbsteinschätzung der eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten. Altbischoff Huber hat es klar auf den Punkt gebracht. Sie hatten bis heute keine Idee von einer sinnvollen Nutzungsmöglichkeit für ein Kirchenschiff. Und die finanziellen Mittel haben sie auch nicht, um dieses 100 Mio. Euro-Projekt zu stemmen.

    Das Eingeständnis der Stiftung Garnisonkirche kein Kirchenschiff mehr bauen zu wollen, ändert nicht nur das städtebauliche Paradigma, sondern schafft inhaltlich wie rechtlich eine neue Situation. Das Eingeständnis macht den ausgehandelten „Kompromiss“ zwischen Stadt, Rechenzentrum und Stiftung hinfällig. Das Konzept hat sich selbst erledigt, bevor es beschlossen wurde. Die Stadt kann das Grundstück auf dem das RZ anteilig steht und weitere Grundstücksteile zurückfordern. Spätestens nach dem 31.12.2030 muss die Stiftung diese zurückgeben, wenn sie kein Finanzierungskonzept für das Gesamtvorhaben „Rekonstruktion der Garnisonkirche“ hat. Die Stadt Potsdam hat NUN die Möglichkeit, auf eigenem Grund und Boden das Areal an der Plantage neu zu gestalten. Diese Möglichkeit sollte sie nutzen!

    Für das Kunst- und Kreativhaus Rechenzentrum ergibt sich somit mehr Rechtssicherheit und weniger Abhängigkeit von Dritten. Die Sicherungsmöglichkeiten für das RZ liegen nun alleinig bei der Stadt. Auch die Aufhebung der sich als unnötig herausgestellten baulichen Beschränkungen (bis Ende 2023) kann durch die Stadt erfolgen. Selbst das Platz Da!-Konzept geht davon aus, dass Kirchturm und RZ noch viele Jahrzehnte nebeneinander baulich existieren können.

    Wir dokumentieren die PM der Wählergruppe DIE aNDERE anlässlich der heutigen Sondersitzung des HA:

    Grundstück zurückgeben, Rechenzentrum dauerhaft sichern!

    Seit vielen Jahren setzt sich DIE aNDERE für eine städtebauliche, funktionale und architektonische Neugestaltung des Stadtraumes auf dem Grundstück der ehemaligen Garnisonkirche ein. Unsere Fraktion hat 2020 den Vorschlag des Oberbürgermeisters (20/SVV/0295) unterstützt,  in einem mehrstufigen und ergebnisoffenen Verfahren einen tragfähigen Kompromiss zu versuchen. 

    Die nun vorgelegten konzeptionellen Ideen zeigen, dass es gelungen ist, Bewegung in die Debatte zu bringen. Insbesondere freuen wir uns, dass der dauerhafte Erhalt des Rechenzentrums am Standort möglich wird und dass sich die Stiftung Garnisonkirche Potsdam vom Aufbau des Kirchenschiffes verabschiedet hat. 

    Im weiteren Verfahren sind für uns folgende Punkte von zentraler Bedeutung: 

    1. Die Beschlüsse der SVV, keine städtischen Mittel für den Aufbau der Garnisonkirche zu verwenden, müssen konsequent eingehalten werden. 

    2. Das Rechenzentrum muss dauerhaft gesichert und dafür zukunftsfähig saniert werden. 

    3. Damit diese Punkte umgesetzt werden, lehnen wir die angestrebte Überlassung von Grundstücksteilen im Rahmen eines Erbbaupachtvertrages ab. Die Landeshauptstadt Potsdam hat der Stiftung Garnisonkirche Potsdam (SGP) das Grundstück bis 2030 überlassen, damit die Stiftung dort Turm und Schiff der Garnisonkirche rekonstruieren kann. Da diese nunmehr den Aufbau des Kirchenschiffes aufgegeben hat, sollten zumindestens die Grundstücksteile, die nicht den Aufbau des Turmes betreffen, schnell an die Stadt zurückübertragen werden. Eine zeitweise Überlassung des Grundstückes im Rahmen eines Erbbaupachtvertrages ist für uns ausgeschlossen. Der Zahlung eines Pachtzinses widerspräche auch zahlreichen Beschlüssen der SVV, keine städtischen Mittel für den Aufbau der Garnisonkirche zu verwenden. 

    4. Über Bebauung und Nutzung der Grundstücke und Räumlichkeiten außerhalb des Turmes entscheidet ausschließlich die Stadtverordnetenversammlung. 

    5. Der B-Plan Nr. 1 soll schnell an die neuen Planungsziele (Erhalt des RZ, bauliche Ergänzungen für zusätzliche kommunale Bedarfe, Verzicht auf Kirchenschiff) angepasst werden.

  • Grundstücksvertrag RZ/GK/Stadt

    Wir helfen gern. Die MAZ rätselt über den Grundstücksvertrag zwischen der Landeshauptstadt Potsdam und der Stiftung Garnisonkirche und stellt sogar das „Haus der Demokratie“ in Frage. Völlig unnötig!

    Brisante Verträge: Kompromiss zur Garnisonkirche in Potsdam wackelt (maz-online.de)

    Aus unserer Sicht steht im § 3 alles Relevante drin:

    Nach § 3 (Bauverpflichtung) ist die SGP verpflichtet, bei Scheitern des Wideraufbaus der Garnisonkirche auf Antrag der LHP die übertragenen Grundstücke unentgeltlich und grundbuchlich unbelastet zurückzugeben. „Ein endgültiges Scheitern des Wiederaufbaus der Garnisonkirche durch die Stiftung ist anzunehmen, wenn bis 31.12.2030 nicht wesentliche Teile der GK wiedererrichtet sind und die Finanzierung des Wiederaufbaus zu diesem Zeitpunkt nicht konkret absehbar ist.“

    Jetzt muss juristisch geklärt werden, was „wesentliche Teile“ sind. Reicht der Aussichtsturm mit integrierter Kapelle zur Vertragserfüllung? Warten wir es ab. Da die Stiftung nicht mal in der Lage ist, die Finanzierung des Turmbaus darzustellen, ist davon auszugehen, dass bis 2030 auch kein Finanzplan für den Bau des Schiffes vorliegt. Somit könnte das Grundstück kostenfrei an die Stadt zurückgehen. Zumindest bestünden dann eine gute Verhandlungsbasis für die Herausgabe des Teilgrundstücks.

    Wenn das mit einer B-Plan-Änderung begleitet wird, indem der Bau des Kirchenschiffes unmöglich gemacht wird, dann kann das Kunst- und Kreativhaus Rechenzentrum auch ganz ohne Kompromiss stehen bleiben. Denn es ist auch geregelt, dass die Stiftung nicht ohne ein konkretes Baubegehren den Abriss des RZ verlangen kann. Auch nicht nach dem 31.12.2023. Somit ist überhaupt kein 3. Gebäude oder ein „Kompromiss“ (der ohnehin nur die Stiftung finanziert) notwendig. Abwarten wäre sinnvoller und billiger für Stadt. Somit kann langfristig auch dem Willen der Bürger*innen „Kein städtisches Geld für den Wiederaufbau der Garnisonkirche“ Rechnung getragen werden.

    Den sich empörenden Stadtverordneten Niekisch und Scharfenberg können wir nur empfehlen: Nehmen sie ihr Recht zur Akteneinsicht war. Das haben die Stadtverordneten der Fraktion DIE aNDERE schon vor über zehn Jahren gemacht. Natürlich wäre die Offenlegung aller Verträge wünschenswert. Ebenso wäre eine unbefangene Rechtsabteilung der Stadtverwaltung wünschenswert. Solange dort Mitarbeiter*innen tätig sind, die auch Mitglied der Fördergesellschaft sind, sehen wir eine unbefangene Arbeit als nicht gegeben. Ein Problem stellt auch das Stadtoberhaupt selbst dar. Durch seine Mitgliedschaft im Kuratorium der Stiftung kann er gar keine Position einnehmen, die klar zu Gunsten der Stadt ausfällt. Noch wichtiger wäre, dass die Stiftung ihre Finanzsituation offenlegt.

    Der MAZ und Herrn Niekisch empfehlen wir auch, genauer zu lesen. Es ist NICHT Stiftungszweck die Garnisonkirche zu errichten. Der Bau der Kirche ist nur Mittel zum Zweck! Hier nachlesbar:140428_Satzung_akt._genehmigt.pdf (garnisonkirche-potsdam.de) Auch die Maßnahmen unter Ziffer (3) bis (5) reichen aus, um dem Stiftungszweck unter (1) zu erfüllen.

    von Carsten Linke

  • Erkaufter Kompromiss?

    Kein städtisches Geld für den Wiederaufbau der Garnisonkirche!

    Dies war viele Jahre der Spitzenreiter im Bürgerhaushalt. Dieses Vielfältige Bürger*innenvotum sollte ebenso wie das Bürgerbegehren gegen die Stiftung Garnisonkirche auch weiterhin Beachtung finden. Am 05.Januar 2022 wird der Hauptausschuss eine Anhörung zum „Platz Da!-Konzept“ ausrichten. Nicht eingeladen sind die Bürgerinitiative für ein Potsdam ohne Garnisonkirche und der antimilitaristische Förderverein der Stadt. Noch vor 2 Jahren bei der Anhörung des Hauptausschusses waren beide Gruppen geladen, ebenso wie Mitteschön! (24.01.2020).

    Dies macht deutlich, dass es mit dem aktuellen Beschlussvorschlag des OBM Schubert im 4-Phasen-Prozess nicht um die Lösung des langjährigen Konfliktes um den Wiederaufbau der Garnisonkirche geht, sondern lediglich um den Nachbarschaftskonflikt Rechenzentrum und Garnisonkirchturm.

    Die Bürgerinitiative und der Verein kündigen deshalb für den 04.01.2022 eine Pressekonferenz an, um ihre Positionen zum Platz Da!-Konzept und zum weiteren Bau der Garnisonkirche darzustellen.

    Die Bürger*inneninitiative für ein Potsdam ohne Garnisonkirche sieht in dem neuen Vorschlag nicht zuletzt einen Versuch, die momentan fragliche Fertigstellung des notorisch unterfinanzierten Turmbau aus städtischen Mitteln abzusichern, womöglich sogar in Form einer entsprechend hohen Einmalzahlung der Grundstückspacht im Voraus. Dieses Vorhaben widerspricht den jahrelang überwältigenden Abstimmungen der Potsdamer*innen im Bürger*innenhaushalt, “Kein städtisches Geld für den Wiederaufbau der Garnisonkirche” einzusetzen.

    Besonders problematisch wäre ein solches kommunales Geldgeschenk vor dem Hintergrund der prekären finanziellen Lage der Stiftung, die keine Reserven und keine Aussicht auf weitere Bundesförderung hat. Die BI und der Verein fordern die Stiftung auf, die Öffentlichkeit und die Stadtverordneten über ihre finanzielle Situation aufzuklären.

    Für den antimilitaristischen Förderverein möchte Informationen, in welcher Form, mit welchen Mitteln und in welchem Zeitrahmen die Stiftung den Turm weiterbauen gedenkt. Sollen die militaristischen Schmuckelemente errichtet werden? Soll wirklich die alte Wetterfahne, die ein Kampfansage gegen Frankreich darstellt*, die Stadtkrone Potsdams bilden? Auch diese Fragen müssen beantwortet werden. Das sind die Grundvoraussetzungen für jegliche bevorstehende Entscheidung zum nächsten Schritt des Vier-Phasen-Prozesses. Möchte das Stadtparlament wirklich im Schatten eines militaristischen Symbols alter Mächte tagen bzw. sich selbst in dessen Schatten stellen?

    Wir dokumentieren hier die Pressemitteilung:

    PRESSEMITTEILUNG
    der Bürger*inneninitiative für ein Potsdam ohne Garnisonkirche
    und des Vereins zur Förderung antimilitaristischer Traditionen in der Stadt Potsdam e. V.

    Potsdam, den 21.12.2021

    Kein städtisches Geld für den Wiederaufbau der Garnisonkirche!

    Anfang Dezember veröffentlichte der Potsdamer Oberbürgermeister Mike Schubert das Ergebnis der zweiten Phase des vierphasigen Prozesses zum Areal Rechenzentrum/Garnisonkirche. Es soll ein “Forum an der Plantage” entstehen, aus Rechenzentrum, Turmkopie und einem “Haus der Demokratie” als Verbindungsbau. Der betroffene Teil des einst von der Stadt Potsdam an die Stiftung Garnisonkirche geschenkten Grundstücks soll der Stadt mittels Erbbaupacht zur Nutzung überlassen werden.

    Die Bürger*inneninitiative für ein Potsdam ohne Garnisonkirche sieht in dem neuen Vorschlag nicht zuletzt einen Versuch, die momentan fragliche Fertigstellung des notorisch unterfinanzierten Turmbau aus städtischen Mitteln abzusichern, womöglich sogar in Form einer entsprechend hohen Einmalzahlung der Grundstückspacht im Voraus. Dieses Vorhaben widerspricht den jahrelang überwältigenden Abstimmungen der Potsdamer*innen im Bürger*innenhaushalt, “Kein städtisches Geld für den Wiederaufbau der Garnisonkirche” einzusetzen.

    Besonders problematisch wäre ein solches kommunales Geldgeschenk vor dem Hintergrund der prekären finanziellen Lage der Stiftung, die keine Reserven und keine Aussicht auf weitere Bundesförderung hat. Wir fordern die Stiftung erneut auf, die Öffentlichkeit und die Stadtverordneten über ihre finanzielle Situation aufzuklären. Eine Information, in welcher Form, mit welchen Mitteln und in welchem Zeitrahmen sie den Turm weiterbauen will, wäre ebenfalls notwendig. Das sind die Grundvoraussetzungen für jegliche bevorstehende Entscheidung zum nächsten Schritt des Vier-Phasen-Prozesses.

    Der aktuelle Vorschlag des Oberbürgermeisters löst nicht den Konflikt um den Wiederaufbau der Garnisonkirche, sondern befasst sich nur mit dem Nachbarschaftsproblem von Rechenzentrum und Turm. Die Kritik am Garnisonkirchen-Projekt bleibt.

    Aus diesem Anlass laden die Bürger*inneninitiative und der Antimilitaristische Förderverein zum Pressegespräch am Dienstag, den 4. Januar, um 10 Uhr ein. Dort werden wir uns im Detail zu dem neuen Vorschlag äußern. Der Termin wird online stattfinden, die Zugangsdaten werden noch bekanntgegeben.

    Hier die PM als PDF:

    *siehe Horst Junginger „Der preußische Adler in der deutschen Herrschaftsgeschichte“ ISBN 978-3-8288-4716-3 oder Der preußische Adler in der deutschen Herrschaftsgeschichte. Eine Vogelkunde aus religionspolitischer Sicht – lernort | garnisonkirche (lernort-garnisonkirche.de)

  • Platz da! – Aber für wen?

    Am Mittwoch den 08.Dezember wurde das „Platz Da!“-Konzept der Presse und dem Hauptausschuss der SVV durch OBM Schubert, Altbischof Huber (SGP) und der RZ-Managerin Engel vorgestellt. Das Papier ist der Abschluss der Phase 2 des Vier-Stufen-Plans, den die Stadtverordneten letztes Jahr beschlossen hatten.

    Platz da für ein Haus der Demokratie.

    Neben aller Euphorie bei den Einen und dem Frust bei Anderen, stellen Tageszeitungen schon mal voreilig fest, dass der Konflikt um die Garnisonkirche gelöst sei. Aber: Dieses Papier ist vieles, aber nicht das Ende der Debatte! Es ist einfach genug ein neuer Anfang für die 3. Phase eines Teil-Diskurses. Und zwar für den Teil, den das Rechenzentrum und das Kirchenschiff betrifft.
    Nicht für den Turm, dem militanten, gotteslästernden Symbol der alten Preußenkulisse.

    Was von der Idee des Hauses der Demokratie in einem Gebäude in Holzbauweise bleibt, werden die nächsten Beschlüsse der Stadtverordnetenversammlung zeigen. Wenn ein Raumkonzept steht, wenn ein Finanzkonzept steht, wenn ein Zeitplan steht und ein architektonischer Entwurf auf dem Tisch liegt, DANN kann beurteilt werden, was der jetzige Vorschlag für die Stadtgesellschaft und die Menschen aus dem Kunst- und Kreativhaus wirklich bedeutet. Bis dato wir noch viel Zeit vergehen.
    Und es wird viel Kraft brauchen, Vereinnahmungen zu widerstehen oder falsche Kompromisse zu akzeptieren.

    Als aktueller Gewinner des Vorschlages kann nur die Stiftung Garnisonkirche gelten.  Die Umsetzung von „Platz Da!“ schafft eine Finanzierungsgrundlage für die Stiftung Garnisonkirche über 50 Jahre und eine Chance die drohende Zahlungsunfähigkeit abzuwenden. Die unregelmäßigen Berichte über Spendeneinnahmen lassen vermuten, dass die jährlichen Ausgaben für PR und Personal deutlich höher sind als die Einnahmen. Absurd bei der angedachten Grundstückspachtung ist, dass das Grundstück der Stadt gehörte. Sie hat dieses verschenkt und pachtet es nun zurück. Pauschal betrachtet baut die Stadt der Stiftung eine Adaption eines Schiffes, nachdem der Staat den Turm ermöglicht hat. Die Pachtzahlungen der Stadt stärken die Stiftung Garnisonkirche. Sie hätte zukünftig regelmäßige Einnahmen, die sie für den Betrieb des Turmes nutzen kann, da dieser sich nicht alleinig durch die Einnahmen der Aussichtsplattform tragen wird. Die öffentliche Hand gleicht dann den defizitären Betrieb des Turmes aus, nachdem dieser schon mehrheitlich durch öffentliche Gelder erbaut wurde.

    Die aktuell zur Schau gestellte „Selbstrücknahme“ der Stiftung ist nichts anders, als die Einsicht in die Nichtumsetzbarkeit ihrer ursprünglichen Ziele und ganz profanes wirtschaftliches und imagepflegendes Kalkül. Die mehrheitlich alten grauen Männer der Stiftung und der Fördergesellschaft erleben das Ende des Pachtvertrages nicht mehr. Sie hätten aber auch nie das historische Schiff erlebt. Lediglich eine Brache hinter dem Turm. Eine Brache, auf der nicht nur der lange Schatten des Turmes, sondern auch der ihres Scheiterns fallen würde.  So können sie sich wenigstens als kompromissfähige, weltoffene Gesellen präsentieren. Mit Demokratiefähigkeit – wie Herr Huber behauptet, mit Versöhnung – wie es im Konzept der Stiftung steht – hat das alles nichts zu tun.

    Mehr Geld vom Bund ist mit der neuen Regierung nicht zu erwarten. Den Turm fertig zu bekommen, wird schwierig genug. Die Debatten um die Spenden für das Berliner Stadtschloss und ihre neue wie alten Rechten Gönner, macht die Zukunft nicht leichter. Das Schiff war immer – nicht nur ein finanzieller – (Alp)Traum. Eine echte Nutzungsidee gab es nie. Allerdings geht der Verzicht auf das Schiff mit der Abkehr einiger Kirchenfans einher. Der finanzwirtschaftlich gut kalkulierte Schachzug, dass Grundstück an die Stadt zu verpachten macht deutlich, dass die Stiftung sich ihr Scheitern, zumindest anteilig, eingesteht. Den Spender*innen hat sie gern die konservative Fassade geboten, der Politik das versöhnliche, gottgefällige Grinsen. Sie versuchte das stramm rechte Projekt gesellschaftstauglich zu machen. Jetzt gelingt es ihr sogar, die Stadt – gegen alle bisherigen Voten des Bürgerinnenhaushaltes und der SVV – auch noch an der Finanzierung des Wiederaufbauprojektes zu beteiligen. Clever, aber auch beliebig. Somit gehen immer mehr Unterstützer*innen von der Leine.

    Den eines ist schon seit vielen Jahren klar. Kaum jemand hat für ein Versöhnungszentrum gespendet. Der Hauptgrund ist die städtebauliche Kulisse**. Und die soll nun gestört werden. Einerseits durch den Erhalt des Rechenzentrums, andererseits durch einen Holzbau. Für oberflächliche Zeitgenoss*innen eine Katastrophe. Für Menschen, die sich für eine Stadt für alle einsetzen, eine nette Idee der Wiedergutmachung, für die vielen Sünden des bisherigen Abrisswahns in der Mitte.
    Was von der Platz da!-Idee bleibt, bleibt abzuwarten.

    von Carsten Linke

    ** Die „Potsdamer Spitze“ (die Kampfpostille des GK-Projektes) machte 2013 deutlich, warum gebaut werden soll: „Seit 2004 haben etwa 750 Ziegelspender den »Weil-Satz« ergänzt: »Ich bin für den Wiederaufbau der Garnisonkirche, weil …« Die Motivation unserer Spender drückt in der Regel nicht nur eine Begründung, sondern auch eine Erwartung aus. Deshalb ist sie für uns nicht nur interessant, sondern auch verpflichtend. Bei der Auswertung ergeben sich von Jahr zu Jahr leichte Schwankungen, aber keine Änderungstendenzen, sodass die Ergebnisse erstaunlich stabil sind. An erster Stelle stehen mit knapp 40 % Gründe, die sich auf die Stadt Potsdam beziehen, nämlich die Wiederherstellung des Stadtbildes oder des Gebäudes »Garnisonkirche« und die Heilung der verletzten Identität der Stadt. Nur unwesentlich geringer ist mit 36 % der Anteil der Spender, die sich aus geschichtlichen, kulturgeschichtlichen oder wertebezogenen Gründen für den Wiederaufbau einsetzen. Die dritte Gruppe besteht aus Spendern, die wegen ihrer eigenen Erinnerungen oder wegen familiärer Bezüge aus persönlichen Gründen das Projekt fördern. Sie ist mit 13 % zwar deutlich kleiner, aber angesichts der Zeitspanne seit der Zerstörung noch recht groß. Mit 8 % ist die kleinste Gruppe die der Unterstützer aus geistlichen Gründen – hierunter haben wir das Eintreten für Frieden und Versöhnung sowie die Beförderung des Glaubens und der Religion verstanden“

  • Niekischs Scheinwelt

    Ein Kommentar zum Vorschlag: „Haus der Religionen“ im Schiff der Garnisonkirche

    Die Überlegungen von Wieland Niekisch sind voller innerer Widersprüche und fernab einer Umsetzung. Er plädiert für ein „Potsdamer Pantheon“ und dies sollte möglichst in einem originalgetreu aufgebautem Kirchenschiff realisiert werden. Der CDU-Politiker Wieland Niekisch vereinnahmt für seinen Wunsch nach einer Kopie des Kirchenschiffes ausgerechnet Friedrich II., den Sohn des Soldatenkönigs, des Erbauers der Kirche.

    Friedrich II. hielt sich meistens aus den religiösen Angelegenheiten der Untergebenen, der eingewanderten Gruppen oder eroberten Regionen heraus. So zeigte der preußische Staat unter seiner Herrschaft eine gewisse konfessionelle Gleichgültigkeit. Es war daher egal, ob es sich bei den preußischen Untertanen um Katholiken oder Protestanten, Lutheraner oder Calvinisten sowie Juden oder Moslems handelte, solange sie ihre Pflichten dem Staat gegenüber erfüllten und ihn allein als ihren König akzeptierten.

    Friedrich II. hat die Garnisonkirche – außer zur Beisetzung seines Vater in der Gruft – nie mehr im Leben betreten. Wer also Friedrich II. und dessen Interesse an der Aufklärung als ernstgemeinten Denkansatz nimmt, kann bei der Lösung nicht auf die Garnisonkirche kommen. Jeder andere Ort der Stadt eignet sich besser, als die Kirche, die sein verhasster Vater gebaut hat.

    Warum nun ein interreligiöses Zentrum für „Kunst, Politik und Religion“ in einer ehemals (un-)christlich und zutiefst militärisch geprägten Kirche entstehen soll, entbehrt jedem Toleranzgebot und widerspricht der Idee eines konfessionsübergreifenden Ansatzes. Mit Gottes Segen wurden von dieser Kirche aus, Christen anderer Nationen getötet und das „Schwert Gottes“ gegen nahezu jede andere Religion – bis hin nach Asien und Afrika – erhoben. Und über allem thront die Wetterfahne des Preußenkönigs, die eine klare Kampfansage darstellt. Toleranz und ein religionsübergreifender Ansatz sehen auch äußerlich anders aus. Sinnvoll wäre auch gewesen, erst mit anderen Religionsgemeinschaften zu sprechen, um dann ein religiöses Sammelsurium vorzuschlagen.

    Weder Friedrich II, noch der interreligiöse Ansatz eigenen sich dazu, den Bau des Kirchenschiffes zu rechtfertigen oder gar zu fordern. Für einen Historiker eine echte Luftnummer. Bitte mehr Sorgfalt bei der Begründung dieses Unsinns walten lassen, Herr Niekisch. Es wäre viel ehrlicher, wenn Sie schreiben würden, „ich will das Rechenzentrum weghaben“. Egal was dann kommt.

    von Carsten Linke

    P.S. Wer ein Update zur Garnisonkirche benötigt, kann am Sonntag den 05.12. ins Archiv gehen. Die Bürgerinitiative für ein Potsdam ohne Garnisonkirche informiert dort ab 16:00 Uhr.

    Update Garnisonkirche – Vortrag und Diskussion mit der Bürger*inneninitiative für ein Potsdam ohne Garnisonkirche – Archiv Potsdam (archiv-potsdam.de)

    P.S.2: Ein lesenswertes Interview mit Mitteschön und Wieland Eschenburg. Letzter sagt „… wir brauchen keinen zusätzlichen Gottesdienstraum in der Stadt“ – deshalb bauen wir die Garnisonkirche wieder auf. Sehr schlüssig! Leider stimmen einige anderen Aussagen nicht. Blöd, wenn man mit Halbwahrheiten hantiert und gleichzeitig den Moralapostel spielt:

    Nicht nur eine Kirche, nicht nur ein Turm – Mitteschön! (mitteschoen.de)

  • Äußerliche Korrekturen sind keine Problemlösung

    Warum die nun bevorstehende Entfernung der Ehrung des rechtsradikalen Erhardt Bödecker  die Probleme beim Humboldtforum nicht löst.

    Von Philipp Oswalt

    In einem Brief vom 3.November räumet Sohn und Schwiegertochter von Ehrhardt Bödecker, Elvira Tasbach und Andreas Bödecker, ein, dass die jüngst kritisierten Äußerungen in der Tat zum Teil rechtsextrem sind und auch an Orten vorgetragen oder veröffentlicht wurden, die zu rechtsextremen Kreisen gehören. Sie bitten daher, das Portrait-Medaillon von Ehrhardt Bödecker und seiner Frau im Foyer des Berliner Schlosses abzunehmen. Ein solches Statement verdient zunächst Respekt, da es niemanden leicht fällt, sich auf diese Weise zu einer nahestehenden Person öffentlich zu äußern.

    Doch geht dieses Statement mit der Behauptung einher, dass die problematische Äußerungen der Familie unbekannt gewesen und das jetzt erstmals mit meinem Artikel im Tagesspiegel die Vorwürfe des Antisemitismus und Rechtsradikalismus erhoben worden seien. Kann das sein? Der Berliner Architekt Prof. Wolfgang Schuster berichtete, dass er schon im Jahr 1994 bereits bei einem Gespräch, das er mit Ehrhardt Bödecker geführt hatte, mit dessen antisemitischen Äußerungen konfrontiert war. Bödecker hatte keine Scheu, seine Meinung auch bei Personen, die ihm kaum vertraut waren, kund zu tun. Und Bödeckers antisemitisches und rechtsradikales Gedankengut hat sich nicht erst mit seiner Pensionierung ausgebildet, wie seine Angehörigen jetzt nahelegen. Es ist aber erst mit seiner ab 1998 einsetzenden Publikationstätigkeit nachweisbar. Und diese war ausgesprochen erfolgreich. Sein Buch „Preußen und die Wurzeln des Erfolgs“ mit einer Reihe indiskutabler Äußerungen ist in sechs Auflagen erscheinen, zuletzt posthum 2018 im rechtslastigen Kopp-Verlag. Dieser vertreibt auch sonst eine Vielzahl rechtsextreme, rechtsesoterische, verschwörungstheoretischer und antisemitischer Titel. Warum hat die Familie diese Veröffentlichung zugelassen und damit der begeisterten Rezeption der Gedanken Ehrhardt Bödecker in Kreisen der extremen Rechten wie der „Nationale deutschvölkische Revolutionsbewegung“ befördert? Und keiner will diese Texte je gelesen haben?

    Dass die Kritik an diesen Äußerungen jetzt erstmalig öffentlicher erhoben wurde, scheint eine bittere Tatsache zu sein. Aber nicht, weil diese keiner gehört oder gelesen hat. Sondern offenkundig, weil man diese hingenommen hat, viele wohlwollend überhörend, manch einer wohl auch mit Verständnis oder Zustimmung. Ja, „streitbar, oft polemisch, bisweilen auch unerträglich provokativ“ (so die Schwiegertochter Elvira Tasbach) seien seine Äußerungen gewesen, aber eben doch noch akzeptabel. Schließlich war Bödecker eine Person von „bürgerliche Reputation“ (Wilhelm von Boddien).  Er war wohltätig engagiert, wie z.B. im Evangelischen Johannesstift, und hatte auch eine sehr enge, freundschaftliche Beziehung zu den jüdischen Vermietern der Geschäftsräume der Weberbank seit den 1960er Jahren. Seine Person lässt sich nicht auf rechtsextremes Gedankengut reduzieren. Aber die sonstigen Facetten seiner Person machen dies nicht ungeschehen oder wiegen dieses nicht auf. Die indiskutable Grenzüberschreitung bleibt unabänderlich bestehen. Der Fall Bödecker zeigt auf, in wie weit antisemitisches und rechtsradikalen Gedankengut in unserer Gesellschaft toleriert und akzeptiert wird, vor allem dann, wenn es mit anderen, positiven Faktoren verbunden ist.

    Das Statement der Familie macht nichts ungeschehen, und löst auch weder das Problem des Förderverein noch der Stiftung, die sich an diesem Fall zeigen. Beiden lag schon seit Wochen eine Dokumentation mit Quellennachweisen von den Äußerungen Bödeckers vor. Die Stiftung verfügte zudem auch über die klare Bewertung des Zentralrats der Juden, ein Konvolut der Digitalisate der Originalquellen und die Information über das Auftreten Bödeckers bei einer vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuften Organisation. Gleichwohl beschloss der 15-köpfige Stiftungsrat lediglich, „ein renommiertes zeithistorisches Institut [zu] beauftragen, diesen Vorwürfen nachzugehen“. Die versammelten Spitzenkräfte einer der wichtigsten nationalen Kulturinstitutionen, von denen die Hälfte sogar über eine geisteswissenschaftliche Promotion oder gar Professur verfügen, waren nicht Willens oder in der Lage, ein umfangreich dokumentierten und offenkundigen Sachverhalt selber zu beurteilen. Wollten sie auf Zeit spielen? Oder wollten sie nicht selber die Verantwortung für eine Entscheidung übernehmen, sondern diese einem Experten übertragen? Das eine ist so beschämend wie das andere, und zeigt auch eine der Gründe auf, wieso so etwas so lange ohne Widerspruch bestehen konnte.

    Noch abgründiger ist allerdings des Verhaltens des Fördervereins, welcher Ehrhardt Bödecker als Großspender eingeworben hatte und mit ihm in engem Kontakt stand. Seit Wochen: kein Wort der Distanzierung, kein Wort des Bedauerns, kein Zeichen der Scham. Offenherzig räumte Wilhelm von Boddien gegenüber der Berliner Zeitung ein: „Wir haben auf bürgerliche Reputation geachtet, nicht auf politische Einstellungen.“ Doch wie der Berliner Architekturkritiker Nikolaus Bernau im Deutschlandfunk feststellte: „Das jetzt Nationalisten, und auch Neonazis oder alte Nazis begeistert sind von dem Wiederaufbau des Berliner Schlosses, dass kann wirklich nicht überraschen“. Eine Abgrenzung wäre nötig. Jedoch: Fehlanzeige. Das „bürgerliche Reputation“ mit antisemitischen und rechtsradikalem Gedankengut einhergehen kann, hat man hingenommen. In dem gleichen Sammelband, in dem Bödecker seinen Text „Antipreußische Gehirnwäsche“ veröffentlichte, publizierte Wilhelm von Boddien zum Berliner Schloss und der rechtsradikale Bundeswehroffizier a.D. Max Klaar zur Garnisonkirche Potsdam. Alle drei auf Einladung des Herausgebers, dem rechtslastigen Brigadegeneral a. D. der Reinhard Uhle-Wettler, der drei Jahre zuvor eine Festschrift für den Holocaustleugner David Irving publiziert hatte. Auch auf Einladung von Uhle-Wettler hielt von Boddien bei seiner rechtsgerichteten Staats- und Wirtschaftspolitische Gesellschaft (SWG) 2007 einen Vortrag. Und die SWG warb 2015 nochmals für Spenden für den Förderverein.


    Eine weiter Person von „bürgerlicher Reputation“, zu der von Boddien Kontakt pflegt, ist der mit den Rechtsradikalen und der AfD sympathisierende Journalist Matthias Matussek. Mit ihm feierte von Boddien nicht zuletzt dessen 65. Geburtstagsfeier. Bei dieser Party anwesend waren auch Mario Müller von der rechtsradikalen Identitären Bewegung, der Chefredakteur des rechtslastigen Magazins Cato Andreas Lombard, die Leiterin der AfD-nahen Desiderius-Erasmus-Stiftung Erika Steinbach, der AfD Politiker Roger Lebien, des rechtsradikale Journalist Hanno Borchert und der Verleger der Wochenzeitung Junge Freiheit Dieter Stein. Ehrhardt Bödecker ist nicht ein isolierter Einzelfall unter den insgesamt 45.000 Spender der Berliner Schlossfassaden. Doch diese Frage scheint weder Stiftungsrat noch Förderverein zu bekümmern. Auch nicht die Frage, wie Personen rechtsradikaler Gesinnung mit der Finanzierung von optionalen Bausteinen Einfluss auf die Ausgestaltung des Bauvorhabens genommen habe. Doch eine Aufklärung hierzu sind die Projektbetreiber nicht durch der Öffentlichkeit schuldig, sondern allen ehrenhaften Spendern, die kein zweifelhaftes Gesellschafts- und Geschichtsverständnis haben. Ist es aber etwa richtig, dass Rudolf-August Oetker als Großspender im Humboldtforums persönlich gewürdigt wird? Er war ab 1933 Mitglied der Reiter SA und ab 1942 als Mitglied der Waffen-SS an der Ostfront im Einsatz. Bis zu seinem Tod verhinderte eine kritische Befassung mit seiner Geschichte, mit der seiner Familie und der seines Unternehmens. Erst nach seinem Tod 2007 konnte die Familie – und dies dann in vorbildlicher Weise – die Problematik aufklären und eine kritische Untersuchung veranlassen.

    Die nun wohl erfolgende Entfernung des Ehrenmedaillons von Ehrhardt Bödecker und seiner Frau im Eosanderportal löst die aufgeworfenen Probleme des Humboldtforums nicht. Und der Bund als Bauherr hat noch eine weitere, weitaus problematischer Baustelle. In Potsdam wird überwiegend mit Geldern des Bundes der Turm der Garnisonkirche Potsdam wiederaufgebaut. Initiator dieses Projektes war einst der rechtsradikale Bundeswehroffizier a.D. Max Klaar. Zwar hat inzwischen die evangelische Kirche das Projekt übernommen, aber was sie baulich umsetzt, entspricht weitestgehend der „Vision“ von Max Klaar, die dieser dem damaligen Bischof Wolfgang Huber bei einem Treffen im Juli 2000 unterbreitet hatte.

    Weiterführende Informationen auf http://schlossdebatte.de/

  • Reformationstag 80 Thesen

    Anlässlich des heuteigen Reformationstages veröffentlichen wir noch einmal die „80 Thesen zum Reformationstag 2018 und zum Wiederaufbau der Garnisonkirche“.

    Vor drei Jahren war die Veröffentlichung in eine gemeinsame Friedensandacht der Profilgemeinde „Die Nächsten“, der Initiative „Christen brauchen keine Garnisonkirche“, der Martin-Niemöller-Stiftung, des „Vereins zur Fördervereins antimilitaristischer Traditionen in der Stadt Potsdam e.V.“ und der BI „Potsdam ohne Garnisonkirche“ eingebettet.

    Die Thesen haben ihre Botschaft und Ernsthaftigkeit bis heute nicht eingebüßt. Die 1. der 80 Thesen stammt von Martin Luthers Thesenanschlag vom 31.10.1517. und lautet:

    „Denn durch ein Werk der Liebe wächst die Liebe und wird der Mensch besser, aber durch den Turmbau wird er nicht besser, sondern nur eitler. (nach Lutherthese 44)“

    Der moderne Thesenanschlag endet mit:

    „Lasst uns ein Haus der Geschichte, Mahnung und Erinnerung bauen – ohne Turm!“

    Hier der Download zu den 80 Thesen gebündelt und einzeln:

  • Job an den Nagel gehangen

    Advent, Advent, kein Lichtlein in der Kapelle brennt?

    Frau Radeke-Engst hat ihren Job als Pfarrerin der Nagelkreuzkapelle nach längerer Krankheit an den sprichwörtlichen Nagel gehangen. Sie geht in den Ruhestand. Mal sehen, wer sich als nächstes in das Diktat und die Klauen des Alt-Bischoffs Huber begibt.

    Aus diesem Anlass lässt die MAZ pünktlich zum Reformationstag die typischen Protagonisten des GK-Projektes zu Wort kommen. Gewohntermaßen fallen diese Worte bei einer Verabschiedung einer Pfarrerin wohlwollend und salbungsvoll aus.

    Doch schauen wir doch mal hinter die Kulissen der Worthülsen:

    „Die Profilgemeinde hat kein Gebiet mit Kirchengliedern, sondern nimmt Interessierte auf. Wer hier Pfarrer ist, muss um Mitglieder werben – wie sie Radeke-Engst es mit unzähligen Einladungen tat.“ Wie erfolgreich war sie dabei? Letztendlich gehen immer die gleiche 10-12 Schäflein dahin. Einen echten Bedarf gibt es scheinbar nicht, denn all diese Stammgäste sind auch Mitglied einer anderen Gemeinde.

    „Es ist eine Schwingtür zwischen Kirche und Gesellschaft, zwischen Christen und nicht-christlichen Menschen, beschreibt Wieland Eschenburg, Kommunikationsvorstand der Stiftung Garnisonkirche, die Gemeinde und die Nagelkreuzkapelle.“ Auch Unsinn. Es ist eine religiöse Einrichtung für die eigene Klientel. Wer als kleiner Teil der Gesellschaft die Gesamtheit erreichen will muss nach draußen gehen und nicht glauben, dass interne, innerreligiöse Debatten und Veranstaltung einen Öffnungseffekt haben. Die Schwingtür wurde eher als Rausschmiss-Tür verwendet. Denn immer dann, wenn wirklich diskutiert wurde, wurde dies als Störung der Religionsausübung gewertet, angemahnt oder gar angezeigt. Grundlos, wie sich später rausstellte.

    „Durchschnittlich 22 Veranstaltungen im Jahr, zählte Matthias Dombert, Vorsitzender der Fördergesellschaft, in seiner Rede am Samstag auf. Dazu jährlich 55 Gottesdienste und 52 Friedensgebete. Nur wer konsequent diese Arbeit ausblende, könne den Turm-Befürwortern Revisionismus unterstellen…“ 55 Gottesdienste und 52 Friedensgebete sind für eine evangelische Kirche Standard. Das gab es auch in Kriegszeiten. Jede Woche einmal den lieben Gott anbeten und Frieden und Gerechtigkeit einfordern ist lobenswert, aber nicht übermäßig viel. 22 Veranstaltung im Jahr klingt nach Arbeit. Dafür gibt es aber eine volle Stelle seitens der Kirche und den bezahlten Apparat der Stiftung noch dazu. Das relativiert rein zahlenmäßig der Erreichte, wenn man bedenkt, dass die Kritiker*innen viel mehr Veranstaltungen und Publikationen pro Jahr umsetzen. Und dies ehrenamtlich! Übrigens Herr Dombert, die Kritiker*innen nehmen vieles was die Nagelkreuzkapelle oder der wissenschaftliche Beirat tut, als ihren Erfolg war. Die massive öffentliche Kritik war doch Ansporn für die Arbeit in der Kapelle und führte doch erst zur Einrichtung eines solchen Beirats. Von allein hätte sich doch Vieles nicht bewegt!

    Ein Beispiel: Seit wann liegt den Grünzigs Buch über die Garnisonkirche in dieser Kapelle aus? Dies geschah doch nur durch öffentlichen Druck. Warum predigte die Pfarrerin in Nagelkreuzkapelle am „blutbeschmiertem“ Feldaltar, wenn doch das Nagelkreuz „Kompass“ des Handels ist? Das Eingeständnis, dass die Garnisonkirche ein Ort der Täter war, kam spät. Durch die öffentliche Kritik, bewegt sich das Projekt aus der revisonistischen Ecke langsam – sehr langsam – heraus. Das Grundkonzept von Max Klaar wurde jedoch bisher nicht wirklich verändert. Nur ein Bruch der Turmkulisse kann ein ernsthafter Beleg für eine veränderte Botschaft sein. Ein Bibelvers im Sockel ist eher ein Selbstverständnis für eine Kirche, als ein wirkliches Zeichen für einen Bruch mit der Vergangenheit und der Symbolik des Gebäudes.

    Witzig ist diese Textpassage in der MAZ:

    Wer immer die Nachfolge antritt, müsse „kommunikative Qualifikationen“ mitbringen. Eschenburg erwartet Bewerbungen von jungen Pfarrerinnen und Pfarrern, wenn die Stelle Mitte November ausgeschrieben wird. Immerhin wird sie oder er die Eröffnung des Garnisonkirchturms erleben.“ Wird die Eröffnung noch solange dauern, dass Frau Radeke-Engst dann schon tot ist? Oder wird sie nicht eingeladen, weil sie längst die Nase voll hat und nichts mehr mit dem Geschehen zu tun haben will?

    von DER LINKE